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Köln, 25.06.2002: Biodiversität (bzw. Biologische Vielfalt) zu erhalten erweist sich in der Praxis oft als kaum durchführbar. Auf jeder politischen und wissenschaftlichen Ebene stößt Biodiversitätsmanagement auf formale und inhaltliche Blockaden: feindlich eingestellte Interessengruppen sowie fehlende rechtliche, administrative und politische Umsetzungsmöglichkeiten. Die Problemanalysen und Lösungsszenarien einer neuen KATALYSE-Studie im Rahmen der Sozial-ökologischen Forschung eröffnen hier am Beispiel Naturschutz - neue Perspektiven, wie Biodiversitätsmanagement durch Integration von Praxispartnern und Nutzern zu einer erfolgreicheren Erhaltung der Biologischen Vielfalt führen kann.Biologische Vielfalt ist die Biodiversität von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen.
Für weitere Infos siehe auch Stichwort "Artenvielfalt".
Biologische Vielfalt erhalten gegen vielfache HindernisseBiologische Vielfalt ist die Biodiversität von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen.
Für weitere Infos siehe auch Stichwort "Artenvielfalt".
Biologische Vielfalt oder Biodiversität (definitionsgemäß die Vielfalt an Arten, Ökosystemen und genetischen Informationen), deren Erhaltung durch den globalen Wandel in großem Maße bedroht ist , stellt in Hinblick auf ein erfolgreiches und nutzungsbezogenes Erhaltungsmanagement bisher unerfüllbare Anforderungen an Forschung, Politik und Praxis.
Diese Anforderungen (bzw. zu überwindenden Hindernisse) können unter vier Gesichtspunkten betrachtet werden:
(1) hinsichtlich der Konzepte einer nachhaltigen Nutzung biologischer Vielfalt,
(2) hinsichtlich der naturwissenschaftlichen und
(3) der sozialwissenschaftlichen Forschung zum Thema, den daraus resultierenden Governance-Konzepten von Biodiversitätsmanagement und schließlich
(4) hinsichtlich zu bewältigender Aufgaben bezüglich Problemerkenntnis, Interessenvermittlung und Nutzungskonflikte.
Fehlanzeige: Konzepte zu einer nachhaltigen NutzungZu (1): In der UN-Konvention zur Biologischen Vielfalt ist zwar eine nachhaltige Nutzung derselben vorgesehen, es fehlen jedoch auf nationaler Ebene sowohl eine kohärente Politik wie auch erforderliche interdisziplinäre Erkenntnisse zu ihrer Umsetzung. Zum Beispiel agieren die betroffenen Fachministerien (
Der Begriff der Umwelt ist geprägt durch die anthropogene Sichtweise des Menschens. Umwelt ist danach definiert, als dem Menschen umgebende Medien (Wasser, Boden, Luft usw.) und aller darin lebenden Organismen.Umwelt, Bauen,
Oberbegriff für gewerblichen Pflanzenanbau und Tierhaltung. Landwirtschaft, Wirtschaft etc.) mehr oder minder in den alten Gleisen einer an ihren Interessengruppen ausgerichteten Politik. In der Praxis der Biodiversitätsnutzung existieren widerstreitende Interessen zwischen Organisationen, Bevölkerungsgruppen und Ländern, die weder systematisch erfasst noch in die Erhaltungsdiskussion integriert sind. Denn: Bei Biodiversitätsmanagement geht es um Natur- und
Aufgrund des zunehmenden Artensterbens kommt dem A. wachsende Bedeutung zu. Artenschutz ebenso wie um Nutzungsstrategien im Sinne der
Der Begriff Nachhaltigkeit wurde erstmals in der Forstwirtschaft verwendet: Danach soll nur soviel Holz aus dem Wald entnommen werden, wie in dem jeweiligen Gebiet nachwachsen kann.Nachhaltigkeit. Schutz und Nutzung von Naturressourcen stehen bisher im Gegensatz zueinander und Ansätze nachhaltiger Nutzung biologischer Vielfalt sind in der Praxis noch wenig entwickelt. Im Fall der Komplexressource Biodiversität lässt sich die übliche Trennung zwischen Schutz und Nutzung nur schwer aufrechterhalten (WBGU 2000). Alle Formen von Biodiversität - die unter Naturschutzprogrammen geschützte Biodiversität, die land-, forst- und fischereiwirtschaftlich genutzte Agro-, die maritime Biodiversität und die wilde Biodiversität (in der für medizinische Forschung und industrielle Nutzung wichtige Rohmaterialien vermutet werden) - sind bereits durch ältere Nutzungsstrategien und ansprüche geprägt, die sich in Hinblick auf ihre Auswirkungen für die Bewahrung von biologischer Vielfalt unter Bedingungen menschlicher Nutzung noch kaum abschätzen lassen.
Die Naturwissenschaften vergessen integrierte ErhaltungslösungenZu (2): Biodiversität wurde bisher fast ausschließlich in naturwissenschaftlichen Disziplinen erforscht und dabei stand die Frage nach der immer genaueren Erfassung der biologischen Vielfalt bzw. der Höhe der zweifellos vorhandenen Verlustraten im Vordergrund. Nur in vereinzelten Projekten wurden die für einen erfolgreichen Biodiversitätserhalt sehr wichtigen sozialwissenschaftlichen Ansätze und Fragen etwa zu den Interessen und Perspektiven der jeweiligen Akteure und Interessengruppen berücksichtigt (Wood et al., 2000).
Zwischen solchen eher naturwissenschaftlich geprägten und den politik- bzw. handlungsnahen Fragen nach Strategien nachhaltiger Nutzung von Biodiversität klafft also eine Kenntnislücke. Sie kann nur punktuell und schrittweise, von beiden Seiten der theoretisch orientierten Forschung wie der Managementpraxis von Naturressourcen her kommend überbrückt werden, u.a. durch Experiment- und Lernstrategien, wie sie aus der Tradition des adaptive management bekannt sind. Strategien des partizipativen und des Co-Management von natürlichen
Der Begriff Ressourcen bezeichnet die Gesamtheit aller natürlichen Rohstoffe oder Mittel um bestimmte Aufagben zu lösen.Ressourcen (gemeinsam durch Nutzergruppen, staatliche und nicht-staatliche Akteure), in der Praxis des Naturschutzmanagement durchaus diskutiert, verblieben für die naturwissenschaftliche Forschung im Bereich einer normativen Gestaltungsdebatte über geeignete Managementansätze. Damit muss sich die interdisziplinäre Forschung sowohl in methodologischer wie inhaltlicher Hinsicht der Abarbeitung des komplexen Problems der Integration von ökologischen und sozialen Systemen am Beispiel der Biodiversität widmen.
Sozialwissenschaftliche Forschung vergisst die PraxisintegrationZu (3): Der obige Satz ist in seiner Absolutheit natürlich genau so wahr wie falsch. Er bezeichnet aber (in gewisser Weise in Entsprechung des blinden Flecks der naturwissenschaftlichen Disziplinen) eine vielfach anzutreffende Eindimensionalität in den bestehenden sozialwissenschaftlichen Untersuchungen zum Biodiversitätserhalt. Die oft rechtfertigend - als Beweis der Existenz sozialwissenschaftlicher Forschung - angeführten Fallstudien bewegen sich fast immer auf der Ebene simpler sozioökonomischer Analyse (wie viel Arbeitsplätze bei wie viel Einkommen, wie viel Touristen bei wie großer Nutzungszone). Fragen nach den Grenzen eines reinen Marktansatzes in Bezug auf soziale Zielsetzungen, den Verhältnissen zwischen verschiedenen räumlichen Ebenen der politischen Steuerung und Umsetzung der Biodiversitätserhaltung (lokal, national, international sog. Mehrebenenproblematik) sowie die nach der Beteiligung von politischen Akteuren und Ressourcennutzern im Biodiversitätsmanagement spielen dagegen bislang kaum eine Rolle.
Lange Zeit wurde einfach davon ausgegangen, dass sich komplementäre markt- und politikbezogene Lösungsoptionen entwickeln würden. Der ökonomische Wert der Biodiversität sollte sowohl dem Naturschutz zugute kommen als auch für Projekte der Armutsbekämpfung verwendet werden. Auch das Verhältnis zwischen internationaler und lokaler bzw. regionaler Ebene wurde weitgehend als Problem der Programmumsetzung aufgefasst und damit in seiner Komplexität unterschätzt. In beiden Bereichen zeigen Erfahrungen der letzten Jahre, dass der ökonomische Wert der biologischen Vielfalt ihrer Erhaltung oder nachhaltigen Nutzung nicht notwendigerweise zugute kommt. Zunächst sind tiefgehende Konflikte um die Regulierung des Zugangs zu genetischen Ressourcen und zur Regelung des Vorteilsausgleichs zu bewältigen (Frein & Meyer 2001; Brand & Görg 2001). Fragen der Mehrebenenpolitik (internationales, nationales, lokales Management von Biodiversität) sind kaum als Forschungsthema etabliert, geschweige denn umgesetzt. Dies hängt nicht zuletzt mit Unklarheiten auf wissenschaftlicher Seite zusammen, wo bisher kontroverse Auffassungen darüber bestehen, wie effektive Formen einer notwendigen New Governance of Biodiversity aussehen könnten.
Probleme und Perspektiven für Biodiversitätsmanagement im Naturschutz Zu (4): Transformation von Naturnutzung heißt - auf den einfachsten Nenner gebracht - am Beispiel der Biodiversität: Entwicklung von Strategien nachhaltiger Biodiversitätsnutzung, die es ermöglichen, die unter den Rahmenbedingungen der Industrialisierung getrennten und konträren Nutzungsstrategien des Schutzes und der produktiven (agrarischen) Nutzung unter dem Konzept der nachhaltigen Nutzung zusammenzuführen. Bereits das UNESCO-Projekt Man and Biosphere der 1970er Jahre verfolgte die Strategie, Nutzung und Schutz von natürlichen Ressourcen wieder zusammenzuführen und nicht länger in eine Vielfalt von individuellen und gruppenbezogenen Nutzungsstrategien auseinanderfallen zu lassen leider ohne dass aus dem Programm daraus wirksame Beispiele hervorgegangen wären. Erneut aufgegriffen wurde diese Sicht der Integration von Schutz und Nutzung in den Projektworkshops mit politischen Akteuren: Biodiversitätsmanagement erfordere andere Ansätze als die einer staatlich und politisch verengten Biodiversitätsdebatte. Biodiversitätsmanagement reicht in das Alltagsleben hinein und berührt den Einzelnen ebenso wie nicht-politische Akteure. Ein top-down-Denken wurde damit verworfen zugunsten einer an konkreten Problemen orientierten, regional und lokal begrenzten Sicht.
Für den Bereich des Naturschutzes kann in Deutschland folgendes konstatiert werden: Trotz einer an den Wirkungen anthropogener Einflüsse orientierten langjährigen Ökosystemforschung (Müller et al., 1991; Fränzle et al 1997; Fränzle et al 2001; Joergensen et al. 2000) konnte diese naturwissenschaftlich geprägte Forschung nicht zu einer partizipativen Strategie des Biodiversitätserhalts beitragen, wie sie insbesondere im Naturschutzmanagement erforderlich ist. Forschungsprojekte, die sowohl an den Nutzungskonflikten wie an den Schutznotwendigkeiten des Biodiversitätsmanagement ausgerichtet sind, bleiben auch im
Unter Naturschutz versteht man alle Maßnahmen zum Erhalt und zur Förderung von wildlebenden Arten (Pflanzen und Tiere), ihrer Lebensgemeinschaften und natürlicher Lebensgrundlagen sowie zur Sicherung von Landschaften unter natürlichen Bedingungen.Naturschutz vereinzelt. Gleichwohl stellen erste, vorsichtig auch Akteursprobleme integrierenden Projekte die Notwendigkeit neuer Kommunikationsprozesse z.B. zur regionalen Konfliktbearbeitung heraus (Rehberg 2001). Bei Konfliktparteien besteht andererseits das Problem, dass die in den Nutzungskonflikten vorherrschenden Extremszenarien (d.h. beabsichtigte Nutzungsveränderungen haben entweder keine negativen oder aber katastrophale ökologische Folgen) die Spielräume für partizipative Verfahren weitgehend einengen. Ein typisches Beispiel für eine derartige Situation bietet sich in den bundesweit bekannten
Amphibisches Ökosystem zwischen Hoch- und Niedrigwasserlinie, das vom natürlichen Ungleichgewicht durch Wechsel der Überflutung lebt.Wattenmeer-Nationalparks: Die 1986 gegründeten Schutzgebiete stehen von Beginn an im Zentrum widerstreitender und nicht-moderierter Interessen und Konflikte. Natur- und Umweltschutzverbände auf der einen und
siehe Sanfter Tourismus, Nachhaltiger Tourismus, Blaue Flagge, Freizeit und Umwelt, Alpen, Schutzwald.Tourismus-,
Der Gesamtertrag der Meeres-F. lag im Jahr 2000 laut FAO bei 100.192.612 Tonnen. In Deutschland wurden im Jahr 2002 205. 689 Tonnen Seefisch angelandet.lFischerei- und Landwirtschaftsverbände auf der anderen Seite behaupten seit über 15 Jahren feste Positionen, welche die Umsetzungen neuer Maßnahmen erschweren oder unmöglich machen. Die vorausschauende Einführung eines partizipativen Co-Management im Naturschutz ist aber nicht nur bei bestehenden Konflikten, sondern ebenso vor Beginn neuer Maßnahmen (Neuausweisung von Schutzgebieten u.ä.) wichtig. Ohne zu erwarten, dass sich mit Co-Management eine konfliktfreie Idylle bilden ließe, könnten durch die partizipative Vorgehensweise dieses Instruments viele der in den Interessenkonflikten verschwendeten Energien besser und konzeptionell von allen Seiten genutzt werden.
Fazit: Um diese Verengungen der Sicht- und Handlungsweisen aufzubrechen sind Pilotprojekte des transdisziplinären Co-Management notwendig, welche die o.g. Anforderungen an Wissenschaft und Beteiligte erfüllen. Zu fordern und zu fördern sind also Versuche, mit diesen neuen Ansätzen eine bessere, den Akteursinteressen entsprechende und partizipative Umsetzung der Biodiversität bzw. des Naturschutzes auf lokaler und regionaler Ebene zu entwickeln. Notwendige Bestandteile solche Vorhaben wären:
1) Sozialökologische Verflechtungs- und Konfliktanalyse (Aufbereitung der in Nutzungskonflikten vorfindbaren Argumentationsmuster, Interessenlagen und Naturwahrnehmungen nach sozioökonomischen wie genderspezifischen Variablen).
2) Ökologische Konflikt- und Nutzungsanalyse (Aufbereitung der vorhandenen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zum Projektgebiet im Hinblick auf Landschafts- und Ökosystemanalyse und Auswirkungen von Veränderungen auf das Schutzgut Biodiversität).
3) Zusammenarbeit mit Akteuren und Praxispartnern für ein Co-Management von Naturschutzobjekten. Dies beinhaltet die Entwicklung und Erprobung angepasster Moderationsformen und auch technischer Optionen (z.B. GIS-basierte Instrumente als Darstellungs- und Visualisierungsansätze) als Instrumente für eine partizipative Konfliktbearbeitung und Naturschutzmaßnahmen.
4) Aufarbeitung der Projekterfahrungen mit der inter- und transdisziplinären Bearbeitung der Probleme, Analyse der Möglichkeiten und Grenzen des Ansatzes partizipativer Biodiversitätserhaltung innerhalb der bestehenden politischen Regulierungssysteme.
(SU & KB)Eine Liste mit der zitierten Literatur kann gerne beim KATALYSE Institut angefordert werden.
Hintergrundinformationen: Dipl.-Biologe Svend Ulmer und Dr. Dipl.-Sozwiss. Karl Bruckmeier leiteten das KATALYSE-Projekt Sozialökologische Transformationen von Naturnutzung am Beispiel des Biodiversitätsmanagement im Rahmen des BMBF-Forschungsschwerpunktes Sozial-ökologische Forschung. Beteiligt waren außerdem Dr. rer. pol. Uli Brand und Dr. rer. pol. Christoph Goerg von der Universität Frankfurt am Main.
Eine 21-seitige Kurzfassung des Forschungsberichtes kann im KATALYSE Institut gegen Einsendung von 8 Euro (Selbstkosten plus Versandkostenpauschale) bestellt werden.