Umweltjournal.de | Artikel Nr.: 3198

Reinhold Messner zum Internationalen Jahr der Berge: Werte Charta Berge, Europa

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{b1l}Köln, 07.06.2002: Die Bergregionen Europas haben neben ihrem Klima, ihrer geographischen Vielfalt und ihrem Erholungswert auch ähnliche sozialökonomische Strukturen, die sie zu einem verbindenden Element der EU machen.

Zu den europäischen Bergregionen zählen Höhenlagen über 500m: Alpen, Apenninen, Pyrenäen, Sierra Nevada, Karpaten sowie britische, französische, italienische, belgische, deutsche, schweizerische, österreichische, tschechische, slowakische, spanische, portugiesische Mittelgebirge, skandinavische Gebirge, dinarisches Gebirge, griechische und bulgarische Gebirge.
Ihre Bedeutung für die jetzige und eine erweiterte EU liegt nicht nur in den gemeinsamen Problemen, sondern auch in den Werten, die sie verbindet: Wasserspeicher und Wasserkraft; Ökosystem und Artenvielfalt; Ruhezone und Erholungsraum; Stille und Raum der Phantasie; kulturelle Identität und Vielfalt, landwirtschaftliche Ressourcen (traditionelle Haustierrassen und Nutzpflanzensorten).

Die Berggebiete machen ein Drittel der EU-Landesfläche aus und die Herausforderungen vor Ort sowie die entsprechenden Lösungen gleichen sich. Nur mit einem landesübergreifenden Konzept, das dem Anspruch der Nachhaltigkeit sowie der Arbeitsplatzsicherung gerecht wird, können jene Werte verteidigt werden, die der lokalen Bevölkerung ein Auskommen und den Städtern eine Erholungsmöglichkeit in ihrer Freizeit in diesen Bergregionen garantieren. Es geht dabei um den Erhalt der Berggebiete als Lebensraum.

Der folgende „Wertekatalog Berge“ – zum Jahr der Berge 2002 diskutiert – soll Anregung sein, in der EU Rahmenbedingungen zu schaffen, die allen Berggebieten zu ihrer wahren Bedeutung verhelfen.

1. Die Berggebiete in Europa sind als Summe von kleinräumiger Kulturlandschaft – durch Jahrtausende von Menschenhand gestaltet und gepflegt – und zum Teil erhabener Hochgebirgslandschaft ein einmaliger, nicht teilbarer Wert.

2. Gepflegte Kulturlandschaft in diesen Berggebieten kommt allen Europäern zugute. Geht es dabei doch um Gewässerschutz, Erholungsraum, Produktion gesunder und hochwertiger Nahrungsmittel, grüne Lunge aller gebirgsnahen Ballungszentren im Besonderen und die EU als Ganzes.

3. Die für die Landschaftspflege notwendige und unverzichtbare Bearbeitung der Kulturlandschaft setzt eine verantwortungsvolle Bevölkerung mit der Möglichkeit der lokalen eigenverantwortlichen Gestaltung ihres Lebensraumes voraus.

4. Die Hochgebirgsregionen hingegen - die Zonen über der Waldgrenze (erst seit der modernen Erschließung für den Tourismus genutzt) - umfassen Werte wie Weite, unverbaute Landschaft, Stille und Erhabenheit. Auch Gefahr.

5. Diese Werte, obwohl vordergründig unnütz, gilt es zu schützen und zwar nicht nur, weil es in der EU einen wachsender Mangel davon gibt. Die Hochgebirgswelt als Erfahrungsraum, der mit weiteren Infrastrukturen unabdingbar verloren wäre, muss unverändert bleiben. Erschließungsstop in den Hochgebirgsregionen ist Pflicht.

6. Ein Vordringen in diese Hochgebirgsregionen ist weder mit Infrastrukturen noch mit moderner Technologie zu erleichtern. Wer in Eigenverantwortung und ohne bleibende Spuren zu hinterlassen ins Hochgebirge geht, lernt rasch, die „Urnatur“ als Wert zu respektieren und verteidigt diesen Gefahrenraum.

7. Nur eine dezentrale Besiedlung und eine dezentrale nachhaltige Nutzung der Berggebiete unter der Waldgrenze sichert die Wegbarkeit, Durchgängigkeit, Erreichbarkeit und Zugänglichkeit dieser Räume, welche die Grundlage für das Bleiben, die Erholung und Naturerfahrung ist. Um umgekehrt der Bergbevölkerung eine hohe Lebensqualität zu erhalten, sind Transitstrecken so zu gestalten, dass Lärm- und Umweltbelastungen aller Art minimal bleiben.

Reinhold Messner sieht in der Verzahnung lokaler Lebensart, der gepflegten Kulturlandschaft und der von Infrastrukturen freien Naturlandschaft den Schlüssel zum Schutz ihrer Berggebiete. Nur so sind diese Berggebiete langfristig auch touristisch nutzbar. Ökolandwirtschaft und Tourismus in der Summe sind ein Schlüssel für eine nachhaltige Entwicklung vor Ort. Großräumige Zusammenarbeit der Berggebiete in der EU soll gefördert und größtmögliche Selbstverwaltung im Gemeinschaftsrecht festgeschrieben werden.

Regionales Kulturgut, intakte Kulturlandschaft und die einmalige Gebirgslandschaft garantieren jene Nachhaltigkeit auch des Selbstverständnisses der Bergbevölkerung, die sich mit ihrem Raum identifizieren soll.

Bergregionen und Ballungszentren brauchen einander. Die Berggebiete müssen also mit Hilfe der Ballungszentren und Ebenen in einem Gleichgewicht gehalten werden, die das Tiefland vor Katastrophen schützt und den Menschen in den Berggebieten ein Auskommen sichert. Die EU hat in ihrem "Europäischen Raumenentwicklungskonzept/EUREK“ (European Spatial Development Perpective/ESDP) von 1999 festgelegt, dass eine nachhaltige Entwicklung Europas eine "räumliche ausgewogene" Siedlungs- und Wirtschaftstruktur erfordert. Da es negativ wäre, wenn die Berggebiete sich (weiter) entvölkern und die Stadtregionen weiter stark anwachsen, setzt sie Maßnahmen um, eine solche Entwicklung zu verhindern.
Die allermeisten Berggebiete außerhalb Europas – meist weit weg von den Ballungsräumen – haben auf Grund ihrer Lage, und der sozioökonomischen Verhältnisse der lokalen Bevölkerung, andere Probleme als die Bergregionen in Europa. Die Lösungsansätze für eine nachhaltige Entwicklung können also nur in den seltensten Fällen von europäischen Modellen übernommen werden.
Reinhold Messner

Der Südtiroler Reinhold Messner ist 57 Jahre alt. Als Freikletterer (Dolomiten), als Höhenbergsteiger (alle Achttausender), als Grenzgänger (Wüsten, Pole) und als Forscher (Yeti, Mallory-Mythos) hat er immer wieder die Tabus gebrochen. Heute hat er ein politisches Mandat (EU-Parlament, Strassbourg).
Reinhold Messner „hat keine Philosophie anzubieten“; aber durch seinen großen Erfahrungshorizont hat er seine klare Lebenshaltung und ein eigenes Weltbild entwickeln können. Neugierigen empfehlen wir das im Januar 2002 erschienene Buch „Reinhold Messners Philosophie“, herausgegeben von Volker Caysa & Wilhelm Schmidt, Edition Suhrkamp 2242, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., ISBN 3-518-12242-8, EUR 10,00. (TW)
Autor: KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung
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Stand: 6. September 2002
Erstellt: 7. Juni 2002
Inhaltsverzeichnis KATALYSE-Nachrichten 35: