Umweltjournal.de | Artikel Nr.: 3287

Wer A sagt, muss auch B sagen: Zum Handlungsbedarf in der Tierzucht

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Köln, 01.07.2002: Menschen wollen nicht nur Kühe auf den Weiden sehen, sondern auch Schweine und Geflügel. Aber die Freilandhaltung gerät immer wieder in die Kritik, seit mehr und mehr Tiere tatsächlich in den Genuss von Sonnenlicht unter freiem Himmel kommen.

Negative Schlagzeilen machen zum Beispiel Hühner mit Wurmbefall, die dann als „Mistkratzer“ in Verruf geraten, weil wir vergessen haben, dass der Hahn früher auf dem Mist krähte – oder auch nicht. Unter Druck gerät dann auch die ökologische Landwirtschaft, schreibt sie doch Auslauf und Freilandhaltung als wesentlichen Beitrag für den Tierschutz vor. Schon fordern Wissenschaftler, die immer schon gegen die Freiland- und für die Intensiv-Tierhaltung waren, die Tiere wieder hinter Betonwänden bzw. in Käfigen verschwinden zu lassen.

Aus Käfig und Betonbucht auf die grüne Wiese

Die Kritik ist in Einzelfällen richtig, die geforderte Konsequenz so falsch wie schon seit Jahrzehnten. Ist es denn verwunderlich, dass die Freilandhaltung bzw. die Umstellung auf ökologischen Landbau anfangs mit gesundheitlichen Problemen verbunden sein kann? Wer wird denn da plötzlich auf die grüne Wiese gestellt? Tiere, die seit Jahrzehnten auf ein Leben im Neonlicht auf engstem Raum, auf Beton oder Drahtboden, selektiert sind, sollten Nahrungskalorien nicht für Bewegung „vergeuden“. Und die routinemäßige Verabreichung von Medikamenten wird mit dem positiv besetzten Wort Prophylaxe („Vorbeugen ist besser als Bohren“) schöngeredet.

Einseitige Selektion auf Hochleistung

Die Tierzucht krankt an den Folgen einseitiger Selektion auf das Zuchtziel Leistungssteigerung, die die Gesundheit der Tiere belasten. Die Hoffnung, Milch, Fleisch bzw. Eier in Rekord-Mengen und Rekord-Zeiten von landwirtschaftlich genutzten Tieren zu erhalten, die diese Höchstleistungen erbringen und dabei fit und gesund sind, hat sich als Trugschluß erwiesen. Der alte Merksatz, „Leistung ist Ausdruck von Gesundheit“, gilt so nicht mehr. Leistung und Gesundheit geraten immer mehr zu Widersprüchen, seit Kühe 8.000 Liter Milch im Jahr geben, Schweine in weniger als 6 Monaten ihr Schlachtgewicht von 100 kg erreichen und Hennen über 280 Eier pro Jahr legen.

Zucht- und haltungsbedingte Krankheiten nehmen dramatisch zu und führen zu einem immer höheren Medikamenteneinsatz, der die Probleme in den vergangenen Jahrzehnten durch die Entwicklung weiterer Therapeutika und Impfstoffe teilweise kompensieren konnte.

Standort orientierte artgerechte Tierzucht für den ökologischen Landbau

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass der ökologische Landbau bisher nicht über spezielle Öko-Rassen verfügt. Somit hängt er in dramatischer Weise von den Züchtungstendenzen in der konventionellen Tierzucht ab. Diese auf Hochleistung selektierten Tiere
  • müssen sich nun an andere Haltungsbedingungen gewöhnen,
  • erhalten anderes – zum überwiegenden Teil auf dem Hof selbst erzeugtes Futter und
  • unterliegen strengen Restriktionen hinsichtlich des Medikamenteneinsatzes.

Somit besteht großer Handlungsbedarf für eine ökologische Tierzucht. Und auch die EG-Öko-Verordnung für Tiere 1804/99 fordert neben artgerechter Haltung eine artgerechte Tierzucht.

Gesundheit landwirtschaftlich gezüchteter Tiere ist nicht Ausdruck der Eliminierung von Krankheit sondern die Fähigkeit des Organismus, Krankheit zu bewältigen. Genetische Variabilität innerhalb der Populationen ist dabei eine Voraussetzung für die individuelle Abwehrfähigkeit der einzelnen Tiere. Es besteht erheblicher Nachholbedarf, damit die Tiere wieder über Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichen Standorte verfügen. Die zunehmende Vereinheitlichung des Erbguts der Populationen durch züchterische Selektion auf einzelne Gene - bis hin zum Klonen - steht in völligem Widerspruch zu dieser Notwendigkeit.

Die Agro-Biodiversität, die Vielfalt der Tierrassen, ist durch klimatische und geographische Unterschiede geprägt worden. Und auch Mentalitätsunterschiede der Menschen, die sie gezüchtet haben, dürften eine Rolle gespielt haben, so dass beispielsweise unterschiedliche Rinderrassen auch über unterschiedliche Mentalitäten verfügen.

Nun gilt es, das „Öko-Potenzial“ der Tiere zu entwickeln. Bei Rindern gibt es noch große Rassen, die wieder auf die optimale Verstoffwechselung von Raufutter gezüchtet werden müssen statt auf die für Wiederkäuer artwidrige Fütterung mit Kraftfutter. Bei Schweinen überwiegt die industrielle Hybridzucht. Aber es gibt noch kleinere Bestände von Schweine-Rassen, wie die Schwäbisch-Hällischen, die im ökologischen Sinne weiterentwickelt werden können. Hühner stammen in Deutschland fast ausschließlich aus Hybridzucht, so dass hier in Kooperation – beispielsweise mit osteuropäischen Ländern – wieder Bestände aufgebaut werden müssen.

Wer A sagt...

Wer A sagt und den Tieren wieder eine artgerechte Umgebung bieten möchte, muss auch B sagen und die züchterischen Voraussetzungen dazu schaffen. Der Nachholbedarf dieser Forschung ist groß. Das Bundesprogramm Ökologischer Landbau bietet nun wesentliche Ansätze. Und wie immer bedarf es für ökologische Entwicklungen auch der Wahrnehmung durch die Verbraucher – Produkte aus ökologischer Rasse-Tierzucht müssen ihren Preis haben!

Die Leistungssteigerung ist nur eine Seite des Zuchterfolges

Das enorme Ausmaß der Leistungssteigerung ist nur möglich durch ein Umgehen der Selbstregulationsmechanismen. Die Tiere sind bereits genetisch (nicht gentechnisch!) zur Leistung gezwungen und das auch dann, wenn ihre Leistung ihre Gesundheit überfordert und sie letztlich krank macht. Bei Geflügel zeigt sich der Widerspruch zwischen Leistung und Gesundheit besonders kraß: Auch kranke Legehybriden legen Eier. Sie nutzen dafür die Reserven ihrer körperlichen Ressourcen. Werden auch diese nicht nur ausgereizt sondern überreizt, folgt direkt der Tod. Hier versagen die Selbstregulationsmechanismen: Denn die Überforderung müßte - als Voraussetzung für Rekonvaleszenz - zu einem Leistungsrückgang führen. Auch bei Schweinen ist das Versagen arteigener Selbstregulationsmechanismen Symptom des Zuchterfolges: Ihre extrem schnell wachsende Muskelmasse provoziert Entzündungen ihres überforderten Knochen- und Gelenkapparates. Da schmerzbedingter Appetitmangel den Masterfolg beeinträchtigt, ist die Verabreichung schmerzunterdrückender Medikamente an die noch jugendlichen Mastschweine keine Ausnahme. Kühe sind so sehr auf Milchleistung selektiert, dass sie mehr Milch geben und damit mehr Energie verlieren, als sie gleichzeitig durch artgerechtes Futter aufnehmen können. Die Menge des deshalb verabreichten energiereichen Kraftfutters und der Mangel an Raufutter führen häufig zur Auslösung von Stoffwechselstörungen. Die Milchleistung pro Kuh und Jahr konnte in der BRD seit den 50er Jahren um ca. 50 Prozent auf über 6000 Liter gesteigert werden. Gleichzeitig nahmen Euterentzündungen, Bein- und Klauenschäden und Fruchtbarkeitsstörungen um ein Vielfaches zu.

Die Zunahme der zucht- und haltungsbedingten Krankheiten führte zu einem enormen Medikamenteneinsatz und konnte in den vergangenen Jahrzehnten durch die Entwicklung weiterer Therapeutika und Impfstoffe weitgehend kompensiert werden. Seit Anfang der 90er Jahre versagt die Wirkung der Chemie zunehmend - trotz und wegen ihres enormen Einsatzes. Daraus resultiert ein Dilemma: Die immer anfälligeren landwirtschaftlich genutzten Tiere stehen immer spezialisierteren Erregern gegenüber, gegen die immer weniger Medikamente wirksam sind.

Die aufwendige Suche nach Krankheitsresistenz-Genen suggeriert Machbarkeit und verbreitet die Hoffnung, die Gesundheitsprobleme der intensiven Tierhaltung könnten auf dem Weg der gentechnischen Manipulation gelöst werden. Es wäre ein fataler Irrtum, das Hinzufügen und Entfernen von Genen im Erbgut landwirtschaftlich genutzter Tiere als eine Therapie im Sinne einer Ursachenvermeidung zu begreifen. Im Erfolgsfalle handelte es sich bestenfalls um Schadensbegrenzung. Denn die tatsächlichen Ursachen liegen in falschen Zuchtzielen und artwidrigen Haltungsbedingungen begründet.
Dr. Anita Idel


Die Autorin Dr. Anita Idel ist 47 Jahre alt. Sie studierte Agrarwissenschaften in Kiel und der Veterinärmedizin an der FU Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Gentechnik, Klonen, Tierzucht, Agrarpolitik, BSE, MKS und Kultur der Mensch-Tier-Beziehung. Seit 2001 ist sie am Aufbau des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL in Berlin beteiligt und dort Leiterin der Fachgruppe Tiergesundheit.
Autor: KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung
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Stand: 8. Oktober 2002
Erstellt: 1. Juli 2002
Inhaltsverzeichnis KATALYSE-Nachrichten 35: