|
Köln, 06.06.2002: Naturschutz ist eine gesellschaftliche Vereinbarung, kein Naturgesetz. Diese Vereinbarung leitet sich im wesentlichen aus der Einsicht der Menschen ab, die Funktionsfähigkeit ökologischer Kreisläufe als wesentliche Grundlage für die Existenzsicherung zu erhalten sowie aus dem Bedürfnis der Menschen nach Ästhetik und Erholung in der Natur.Folglich wird der Umfang der Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen im wesentlichen durch gesellschaftliche Abwägungsprozesse und politische Entscheidungen bestimmt. Erfolgreiches Naturschutzhandeln hängt in hohem Maße vom Grad der Professionalität, der Innovationsbereitschaft und der Gestaltungskraft handelnder Naturschutzakteure ab. Unabdingbare Voraussetzung hierfür sind Kommunikationskompetenz sowie die Fähigkeit zu strategischen Allianzen mit potenziellen Partnern.
Naturschutz erfordert interdisziplinäre ZusammenarbeitDie Biologie ist die Wissenschaft vom Leben. Biologie und Ökologie stellen unerlässliche Grundlagen für den Schutz der Natur dar. Naturwissenschaftliche Kenntnisse sowie adäquate Fähigkeiten und Fertigkeiten bilden eine zentrale Säule des Naturschutzes. Erkenntnisgewinne der letzten Jahre haben dazu geführt, dass Grundannahmen der Ökologie in den vergangenen Jahren revidiert wurden. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass ökologische Systeme nur selten in einem Gleichgewichtszustand verharren und nicht zwangsläufig auf einen solchen zulaufen. Wandel und Veränderung sind die Regel, nicht die Ausnahme. Aus ökologischen Erkenntnissen jedoch Werturteile oder gar präskriptive Aussagen ableiten zu wollen, wie z.B. im Zusammenhang mit der Beantwortung der Fragen Welche Natur wollen wir schützen? oder Wie soll die Natur geschützt werden?, ist nicht möglich (naturalistischer Fehlschluss). Humanwissenschaftliche Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten sind erforderlich zur Begründung der für notwendig erachteten Wertentscheidungen, nach denen sich naturbezogenes Handeln ausrichten soll (u.a. Ethik und Philosophie), sowie zur Verwirklichung, Umset zung und Erfüllung der gesetzten anzustrebenden Ziele (u.a. Sozial-, Wirtschafts-, Kultur-, Verhaltens-, Politik und Rechtswissenschaften). Nur unter stärkerer Berücksichtigung der Humanwissenschaften ist die Idee des Naturschutzes, der kulturelle Akt des Schutzes von Natur und Landschaft, langfristig zu verwirklichen.
In den zurückliegenden Jahren wurden - basierend auf einem Strategiekonzept zur Verbesserung der Akzeptanz des Naturschutzes vonseiten des Bundesamtes für
Unter Naturschutz versteht man alle Maßnahmen zum Erhalt und zur Förderung von wildlebenden Arten (Pflanzen und Tiere), ihrer Lebensgemeinschaften und natürlicher Lebensgrundlagen sowie zur Sicherung von Landschaften unter natürlichen Bedingungen.Naturschutz (
Abkürzung für Bundesamt für Naturschutz, siehe StichwortBfN) vermehrt Projekte mit Mitteln des Bundesministeriums für
Der Begriff der Umwelt ist geprägt durch die anthropogene Sichtweise des Menschens. Umwelt ist danach definiert, als dem Menschen umgebende Medien (Wasser, Boden, Luft usw.) und aller darin lebenden Organismen.Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) gefördert, die gesellschaftliche Aspekte des Naturschutzes thematisieren. Einen ersten wichtigen Baustein stellt diesbezüglich das 1999 von Uwe Brendle an der Universität Göttingen bearbeitete Vorhaben Musterlösungen im Naturschutz - politische Bausteine für erfolgreiches Handeln aus dar, in dem wichtige Grundlagen für ein effektiveres und effizienteres Handeln im Naturschutz herausgearbeitet wurden.
Nachhaltige Naturschutzstrategien: Differenzierte Rahmenbedingungen und KommunikationSeit geraumer Zeit werden von Naturschutzakteuren vermehrt Konsensverfahren als Instrument der Verständigung zwischen verschiedenen Positionen des Schutzes und der Nutzung von Natur und Landschaft eingesetzt. Um den gewünschten Erfolg zu erzielen sind jedochwie politikwissenschaftliche Untersuchungen der Universität Göttingen belegen -, bei der Durchführung von Konsensverfahren differenzierte Rahmenbedingungen zu beachten.
Wie aus der praktischen Naturschutzarbeit bekannt ist, können Naturschutzinstrumente auf Grund unterschiedlicher Ursachen kaum oder sogar entgegengesetzte Wirkungen entfalten. Beispielhaft widmete sich hierzu eine politikwissenschaftliche Studie der Universität Göttingen dem Politikfeld des Naturschutzinstruments Rote Listen.
Erfahrungen aus den Bereichen Werbung und Marketing zeigen, dass für eine adäquate Zielgruppenansprache die Berücksichtigung verschiedener Lebensstiltypen unerlässlich ist. In der öffentlichkeitswirksamen Kommunikation von Naturschutzakteuren blieb das Konzept der Lebensstiltypen bislang jedoch weitgehend unberücksichtigt. Diesen kommunikativen Ansatz auch für den Naturschutz verfügbar zu machen, war Gegenstand des von der Universität GH Kassel gemeinsam mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung durchgeführten Forschungsvorhabens Lebensstile und Naturschutz. Das Projekt zielte insbesondere auf eine Verbesserung der Kommunikation des Naturschutzes.
Von den zahlreichen aktuellen öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen von BMU und BfN sind insbesondere die Kampagne zum zehnjährigen Bestehen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt im Jahre 2002 (www.biologischevielfalt.de) sowie die beiden Naturschutzwettbewerbe Spots for Nature und Sounds for Nature als besonders innovativ hervorzuheben. Sie zielen mit modernen Instrumenten des Marketings darauf ab, den Naturschutz besser zu positionieren. Beide Wettbewerbe legen besonderes Augenmerk darauf, Bevölkerungskreise anzusprechen, die nicht zu den typischen Naturschutzinteressierten gezählt werden.
AusblickNaturschutz vollzieht sich in einem gesellschaftlichen Rahmen, der durch Interessenslagen von Menschen und politische Entscheidungen bestimmt wird. Für eine erfolgreiche Arbeit von Naturschutzakteuren sind Grundlagen- und angewandte Forschungen natur- und humanwissenschaftlicher Disziplinen gleichermaßen erforderlich. Die thematische und inhaltliche Breite dieses Spektrums spiegelt in hohem Maße das Spannungsfeld der gesellschaftlichen Vereinbarung Naturschutz wieder, eröffnet aber gleichzeitig auch eine Vielzahl innovativer Lösungsmöglichkeiten zur stärkeren Integration von Naturschutzanliegen in andere Politikbereiche.
Karl-Heinz Erdmann & Christiane Schell
Die Autoren: Dr. Karl-Heinz Erdmann ist 46 Jahre alt. Er studierte Geographie, Evangelischen Theologie, Erziehungswissenschaften und Bodenkunde in Bonn. Er ist Wissenschaftlicher Rat im Bundesamt für Naturschutz (Bonn), Leiter des Fachgebietes Gesellschaftliche und rechtliche Grundlagen des Naturschutzes. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Naturbildung, -erziehung und -ethik sowie gesellschaftlichen Fragen des Naturschutzes, Kommunikation des Naturschutzes, Naturschutzpolitik.
Dr. Christiane Schell ist 44 Jahre alt. Sie studierte Biologie in Bonn und ist heute Wissenschaftliche Rätin im Bundesamt für Naturschutz, Fachgebiet Gesellschaftliche und rechtliche Grundlagen des Naturschutzes. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Akzeptanz des Naturschutzes, Kommunikation von Naturschutzthemen und Kooperationsstrategien im Naturschutz.
Weiterführende Informationen unter: www.bfn.de und www.biologischevielfalt.de