Umweltjournal.de | Artikel Nr.: 3201

Das "Internationale Jahr der Berge" 2002 Ein Beitrag der Internationalen Alpenschutzkomission CIPRA aus Liechtenstein

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Köln, 07.06.2002: Berge gibt es auf allen Kontinenten, vom Äquator bis zum Polarkreis und in verschiedensten Klimazonen. Sie umfassen verschiedene Kombinationen von Ökosystemen und liefern seit Jahrtausenden wertvolle Ressourcen wie Wasser, Energie und Artenvielfalt. Ausserdem sind sie wichtige Gebiete des kulturellen Erbes und der Erholung. Die Globalisierung, die Urbanisierung und der Massentourismus bedrohen jedoch die Berggemeinden und die Ressourcen, auf die sie angewiesen sind.

Gebirge bedecken ein Viertel der Erdoberfläche, sie sind Lebensraum für rund ein Zehntel der Weltbevölkerung und liefern Wasser für fast die Hälfte der Menschheit. Das Internationale Jahr der Berge im Jahr 2002 wurde Ende 1998 von der UNO-Vollversammlung auf Antrag der Republik Kyrgyzstan beschlossen. Die UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) leitet die Vorbereitungen in Zusammenarbeit mit Regierungen, anderen UNO-Organisationen und NGOs (“Nichtregierungsorganisationen”).Mit dem "Internationalen Jahr der Berge" 2002 soll die Bedeutung der Berge für das Überleben der Menschheit weltweit anerkannt werden. Deshalb sollen auf internationaler, nationaler, regionaler und lokaler Ebene Aktivitäten durchgeführt werden, um sensible Gebirgsökosysteme zu schützen und die nachhaltige Entwicklung in den Berggebieten zu fördern.

Internationales Jahr der Berge und Agenda 21

Das Internationale Jahr der Berge ist ein wichtiger Schritt in dem langen Prozess, der 1992 beim Umweltgipfel in Rio de Janeiro begann. Kapitel 13 der Agenda 21 (”Managing fragile ecosystems: sustainable mountain development”) erklärt Berggebiete zusammen mit Klimawandel, Abholzung der Tropenwälder und Wüstenbildung als zentrales Thema in der weltweiten Diskussion über Umwelt und Entwicklung.
In den Jahren nach ”Rio” wurden zahlreiche Aktivitäten, Forschungsprogramme, Projekte und ein reger Informationsaustausch bezüglich bergrelevanten Themen initiiert und durchgeführt.
Das Internationale Jahr der Berge ist eine sehr gute Gelegenheit, die Umsetzung des Kapitels 13 voranzutreiben. Dieses Jahr soll nicht nur eine Zeitspanne mit einer Reihe von bestimmten Veranstaltungen sein, sondern es soll als Katalysator für langfristige und konkrete Aktivitäten über das Jahr 2002 hinaus wirken.

Zunehmende Nutzungsansprüche der Gesellschaft

Zunehmende Nutzungsansprüche in Bergregionen machen Druck auf den zerbrechlichen Natur- und Lebensraum. Dies gilt für den Tourismus als Wirtschaftsfaktor im Berggebiet ebenso wie für den Verkehr mit Hauptverkehrslinien quer durch ganze Gebirgsregionen. Selbst in dem Bewusstsein der betroffenen Bevölkerung sind häufig noch grobe Defizite bezüglich der natürlichen Grenzen und dem Umgang mit den Ressourcen festzustellen. Die Zukunft von Berggebieten hängt deshalb entscheidend davon ab, ob es gelingt, die wirtschaftlichen und ökologischen Interessen künftig wieder besser aufeinander abzustimmen.

Wahrnehmung von Berggebieten

Katastrophenmeldungen in der Medienberichterstattung prägen unsere Wahrnehmung von dichtbesiedelten Berggebieten wie die Alpen. Lawinen, die ganze Ortschaften von der Umwelt abschneiden, Hangrutschungen, die Bergbauernhöfe oder touristische Einrichtungen bedrohen, Murgänge und Überschwemmungen, die Strassen unterbrechen. Das alles verstärkt den Eindruck eines Krisengebietes.
Diese einseitige Wahrnehmung versucht die Tourismusindustrie durch klischeehafte Werbekampagnen zu korrigieren. Der Blick auf das Wesentliche scheint bis auf weiteres verstellt zu sein.
Schutz durch nachhaltige Entwicklung
Das Ziel des Internationalen Jahrs der Berge ist der Schutz der Bergregionen durch die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung in diesen Gebieten. Dazu gehören dauerhafte Massnahmen zum Schutz der Umwelt und zur Förderung des Friedens in umkämpften Bergregionen.
Das internationale Bewusstsein für die Bedeutung und die Sensibilität der Berglandökosysteme und der natürlichen Ressourcen soll gebildet und gestärkt werden, ebenso wie der Wissensstand über Dynamik und Funktion dieser Ökosysteme. Das kulturelle Erbe in den Bergregionen soll gefördert und bewahrt werden.
Diese Ziele können durch Informationsbereitstellung und -austausch, Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung, Aus- und Weiterbildung, Dokumentation von erfolgreichen Fallstudien und darauf basierende Empfehlungen erreicht werden.

Die Alpenkonvention: Solidarität unter den Bergregionen

Der wirtschaftliche Druck, der auf Berggebieten lastet, führt seit Jahrzehnten zu einem Rückzug aus diesen ökonomisch benachteiligten Regionen. Das hat zur Folge, dass viele Menschen das Berggebiet verlassen und ihre Betriebe aufgeben. Daran geknüpft ist ein zunehmender Verlust an jahrhundertealten Kulturlandschaften, regionaler Vielfalt und lebendiger Tradition und Brauchtum der Bergbevölkerung.
Doch der wirtschaftliche Druck kann manches Mal auch neue Chancen schaffen. Er lässt Bergregionen enger zusammenrücken, weckt das Bewusstsein für die eigene Kultur und ist der Nährboden für neue, zukunftsweisende Ideen. Mensch und Umwelt können davon gleichzeitig profitieren, wie etwa der Aufschwung der biologischen Landwirtschaft im Alpenraum, die Energieholzgewinnung und vielfältige Projekte für einen naturverträglichen Tourismus zeigen.
Im Zeitalter der internationalen Kooperation fordert das Ziel der nachhaltigen Entwicklung die Städte und Berggebiete gleichermassen heraus. Ein Modell für Bergregionen ist das Vertragswerk der Alpenkonvention. Sie stellt Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung in den Mittelpunkt und versucht, ein Gleichgewicht zwischen Wirtschaft und Ökologie herzustellen. Sie berücksichtigt die Stärken und Schwächen des Alpengebietes und strebt nach Lösungen mit Weitblick. Und das gelingt nur durch eine Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen Berg und Tal und zwischen den Staaten.
Ergebnisse auf allen Ebenen erwartet
Im Internationalen Jahr der Berge werden Ergebnisse auf vier Ebenen erwartet:

1. Auf der globalen Ebene wird ein erhöhtes Bewusstsein für die Bedeutung und die Sensibilität der Berglandökosysteme und der Ressourcen angestrebt. Weitere Ziele sind das Erkennen der Notwendigkeit von nachhaltigen Ansätzen zur Entwicklung wie die Bereitstellung von Informationswerkzeugen. Ausserdem sind langfristige Forschung und/oder Entwicklungsprojekte zu kritischen Themen wie nachhaltige Nutzung der Ressourcen, Erforschen der Auswirkungen des Klimawandels, Biodiversität, Schutzgebietmanagement, Ökotourismus, Kulturerbe, nachhaltige Wirtschaft Themen des Jahres.

2. Auf der regionalen Ebene sind u.a. Konferenzen mit breiter öffentlicher Beteiligung vorgesehen, mit Themenschwerpunkten auf Handel, Beziehungen zwischen Hoch- und Tiefländern, Wassermanagement und Migration.

3. Auf nationaler Ebene sollen u.a. Richtlinien für eine nachhaltige Entwicklung und beginnende Umsetzungsaktivitäten Inhalt des Jahres der Berge sein. Weiters geht es um die Erstellung von Ausbildungsmaterial und Lehrplänen für bergrelevante Themen, die u.a. in das Ausbildungsprogramm von Schulen, Universitäten, Alpenvereinen, Sportvereinen, Tourismusorganisationen, Landwirtschaftsschulen integriert werden, sowie um die Installation von Mechanismen wie die Nationalen Komitees zur Überwachung der Umsetzung der nachhaltigen Entwicklung.

4. Auf der lokalen Ebene sollen Initiativen und Aktivitäten speziell auch für sozial schwache Gruppen stattfinden.

Ein Netz aus Akteuren

Die vielen Organisationen, Institutionen und Privatpersonen, die sich schon bisher weltweit für eine nachhaltige Entwicklung der Bergregionen einsetzten, sollen in einem gemeinsamen Netzwerk verbunden werden. Die bisherige Organisationsstruktur kann auf der CIPRA-Homepage (http://deutsch.cipra.org/texte/alpen/alpen_hauptseite.htm) eingesehen, oder beim KATALYSE Institut angefordert werden.
Die Hauptakteure, sowohl im Rahmen des Kapitels 13 als auch beim Internationalen Jahr der Berge, sind alle Einwohnerinnen und Einwohner von Berggebieten. Es ist wichtig, dass die durchgeführten Projekte ”von unten” getragen werden, wenn eine Nachhaltigkeit über das Jahr 2002 hinaus erzielt werden soll. Die Menschen vor Ort wissen Bescheid über ihre Gegend, die Kultur und die Ökologie. Sie können Aktivitäten und Projekte dokumentieren, bei denen es zudem auch um eine Steigerung ihrer eigenen Lebensqualität geht.
Und natürlich kann jede/r durch seinen persönlichen Beitrag und seine persönliche Verhaltensweise zu einem erfolgreichen Internationalen Jahr der Berge beitragen.

2002 ist auch das Internationale Jahr des Ökotourismus

Mit der konkreten Durchführung des gleichzeitig stattfindenden Internationalen Jahrs des Ökotourismus wurde die Welttourismusorganisation WTO in Zusammenarbeit mit der Umweltorganisation der UNO (UNEP) betraut.
Das Jahr des Ökotourismus stößt allerdings auf die Kritik von Nichtregierungsorganisationen aus dem Entwicklungs- und Umweltbereich. Gerade in Entwicklungsländern wird das Label ”Ökotourismus” oft von den Regierungen missbraucht, um Grundstücke an Tourismusunternehmen zu verpachten und damit meist nachhaltige Bewirtschaftungsweisen und Lebensgrundlagen von Familien, Stämmen oder Dörfern zu zerstören.

Wachstumsmarkt Ökotourismus

Feriengäste schätzen die Vielfalt der Natur und Kultur in Bergregionen. Auf diesen Stärken baut das Tourismus-Marketing seit langem auf. Doch gleichzeitig stehen die natürlichen Ressourcen und Kulturwerte unter dem Druck des touristischen Wachstums, einer kurzfristigen Gewinnorientierung und der weltweiten Konkurrenz.
Viele Nichtregierungsorganisationen, speziell solche aus dem Süden, äusserten bereits im Vorfeld des Internationalen Jahres die Befürchtung, dass ein solches Jahr vor allem dazu dient, unreflektiert alles zu feiern, was im Marketing als Ökotourismus verkauft wird, statt zu überprüfen, ob nicht gerade Ökotourismus seine eigenen Ziele des Natur- und Kulturschutzes, der Bildung, der Profite für die lokale Bevölkerung sowie deren Beteilung an Entscheidungsprozessen hinter dem Profit der Tourismuswirtschaft vergisst.

Nachhaltigkeit im Ökotourismus als Ziel

Die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen durch die lokale Bevölkerung sowie die Armutsbekämpfung und bessere Lebensbedingungen bilden wichtige Voraussetzungen für die Erhaltung und den schonenden Umgang mit der Umwelt.
In den Alpen, dem grössten und am stärksten durch die menschliche Nutzung belasteten Gebirge Europas, entscheiden sich immer mehr Gemeinden oder Einzelbetriebe bewusst für den Aufbau eines Naturtourismus, allerdings auch unter dem Druck der wirtschaftlichen Entwicklung. Andreas Götz & Gerhard Hornsteiner

Die Autoren:
Andreas Götz ist 42 Jahre alt und war in seinem früheren Leben als Rechtsanwalt Mitinhaber einer Anwaltskanzlei in Chur (Schweiz). Von 1990 bis 1996 war er Geschäftsführer der “Stiftung Bergwaldprojekt” in Chur. Seither ist er als Geschäftsführer von CIPRA-International in Liechtenstein tätig.

Gerhard Hornsteiner ist 38 Jahre alt und war nach dem Studium der Geologie viele Jahre in der Umwelttechnik, Datenverarbeitung und im Projektmanagement tätig. Er koordiniert seit 2001 das Internationale Jahr der Berge in Liechtenstein und ist zudem als Projektmitarbeiter bei der CIPRA-International aktiv.


Weiterführende Informationen zur CIPRA-International bzw. CIPRA-Deutschland finden Sie unter: www.cipra.org und www.cipra.de
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Autor: KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung
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Stand: 8. Oktober 2002
Erstellt: 7. Juni 2002
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