Umweltjournal.de | Artikel Nr.: 3113

Wie kann die deutsche Landwirtschaft überleben?

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Drei Bücher zur “Agrarwende” in Deutschland BSE-Rindfleisch, Schweinemastskandal, Dioxin-Hühner – was kann man heute noch gefahrlos essen?

Diese Frage versucht Franz Alt in seinem Buch “Agrarwende jetzt” zu beantworten. Franz Alt hat in seinem Buch vor allem die bereits in den vergangenen Monaten und Jahren in den Medien ausführlich beschriebenen Missstände in der Landwirtschaft zusammengestellt. Als Lösung bietet Franz Alt an, die Gesellschaft möge zukünftig weitestgehend auf Fleisch und andere tierische Produkte verzichten und sich möglichst vegetarisch ernähren. Und die Tiere in der Landwirtschaft sollen als Mitgeschöpfe behandelt und nicht als “Rohstofflieferanten” missbraucht werden. Das ist nur zu erreichen, wenn möglichst schnell komplett auf Ökologischen Landbau umgestellt und eine entsprechende Tierhaltung praktiziert wird.

Damit hat Franz Alt zwar die Probleme und Skandale aufgezeigt und ein zukünftiges Modell für die Ernährung und die Landwirtschaft gezeichnet, wie jedoch eine Umsetzung und ein praktikabler Weg zu einer solchen Gesellschaft beschritten werden kann, lässt er offen. Aber genau hier liegt ja die “Kardinalfrage”, (theoretische) Modelle für eine Lösung der Probleme in der Landwirtschaft und Ernährung gibt es genügend, aber es gibt offensichtlich nicht die geeigneten Instrumente und Methoden für die praktische Umsetzung einer Wende, die diesen Namen auch verdient.

Es stellt sich die Frage, ob die doch recht manifestierten Ernährungsgewohnheiten der Deutschen (und der Europäer) überhaupt eine Chance für eine kurz- oder mittelfristige Umorientierung in der Landwirtschaft und der Ernährung der Gesellschaft geben. Und daraus ergibt sich die weitere Frage, ob eine Agrarwende ohne eine “Ernährungswende in der Gesellschaft” überhaupt erfolgreich sein kann. Auf diese Fragestellung geben auch die anderen beiden Bücher keine konkreten Antworten. Vielmehr verharren alle Autoren auf eine weitestgehend isolierte Sicht der Landwirtschaft und Agrarpolitik und entkoppeln sie von den Ernährungs- und Einkaufsgewohnheiten der Bürger.

Ulrich Kluge setzt sich in seinem Werk “Ökowende” intensiv mit der Brüsseler Agrarpolitik auseinander, was auch gerechtfertigt erscheint, da eine echte Agrarwende nur erreicht werden kann, wenn auch auf europäischer Ebene die entsprechenden “Weichen” gestellt werden. Zu klein ist heute noch der nationale Spielraum in der Agrarpolitik als dass eine Agrarwende national angeschoben werden könnte. Er zeichnet ein Bild von der “Geburt” der EU-Agrarpolitik über die Subventionskrise zum BSE-Skandal, den er als Krankheit der Politik in Europa bewertet, hin zur Agrarwende in Brüssel. Insofern trifft der Untertitel “Agrarpolitik zwischen Reform und Rinderwahnsinn” ziemlich genau die faktenreichen Inhalte des Buches.

Die “Agrarwende oder die Zukunft unserer Ernährung” von Götz Schmidt und Ulrich Jasper hebt sich erfrischend von den beiden vorgenannten Werken ab, weil es den Autoren gelingt die Sicht der Bauern authentisch darzustellen und die Argumente, die Zugzwänge und auch die Konflikte der Landwirte nachvollziehbar zu machen. Das Buch hat damit eine wichtige Funktion, denn es vervollständigt endlich die einseitige Berichterstattung der Medien der letzten zwei Jahre. Die Bilder und Storys in den Medien haben die Bauern zu “Tätern” gestempelt. Schmidt und Jasper öffnen jedoch neue Blickwinkel: Landwirte sind auch “Opfer”! Damit wird es auch für den Laien nachvollziehbar, dass konventionelle Bauern eben nicht “Giftspritzer” und “”ierquäler” sind, sondern dass sie vor allem die Forderungen des Lebensmittelhandels, der Industrie und nicht zuletzt auch der Verbraucher umsetzten: Billige Lebensmittel für Alle! Passend dazu wurde gerade eine aktuelle Studie der Hypovereinsbank im Februar 2002 veröffentlicht. Danach wollen die deutschen Verbraucher in den kommenden zwölf Monaten mehr für Telekommunikation und Medien ausgeben, dafür aber weiter bei der Ernährung sparen. Im Gegensatz zu Alt und Kluge zeigen die Autoren konkrete Handlungsalternativen und Ansätze auf, auch wenn sie dem Untertitel ihres Buches “Die Zukunft der Ernährung” nicht gerecht werden können. Sie zeigen konkrete Ansätze auf, wie beispielsweise die Schweiz erfolgreich die Käfighaltung abschaffte, wie mehr Demokratie in der Landwirtschaft Einzug halten kann und was mit den ländlichen Räumen passiert, wenn die Landwirtschaft stirbt. Beim Lesen wird das Gefühl und die Gewissheit vermittelt, die beiden Autoren sind immer “nah dran” an der Praxis und Wirklichkeit und sie zeigen Innenansichten” der heutigen Landwirtschaft. Ihr Abschlussmotto zeigt die Zukunftsstrategie: Die Landwirtschaft braucht nicht weniger, sondern mehr Menschen! (FW)

Franz Alt
Agrarwende jetzt – Gesunde Lebensmittel für alle
Goldmann Verlag, München 2001,
187 Seiten, EUR 8,00
ISBN 3-442-15165-1

Ulrich Kluge
Ökowende – Agrarpolitik zwischen Reform und Rinderwahnsinn
Siedler Verlag, Berlin 2001,
187 Seiten, EUR 18,00
ISBN 3-88680-736-3

Götz Schmidt & Ulrich Jasper
Agrarwende oder die Zukunft der Ernährung
Beck Verlag, München 2001, 220 Seiten,
EUR 12,50, ISBN 3-406-47570-1
Autor: KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung
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Stand: 25. April 2003
Erstellt: 22. Mai 2002
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