Umweltjournal.de | Artikel Nr.: 620

Prüfzeichen für Öko-Lebensmittel - ein Gastkommentar

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Ein zentraler Begriff der betrieblichen Kostenrechnung heißt “Stückkosten”. Nur wenn diese so weit unter den Preisen für ein Produkt liegen, dass ein Beitrag zum Gewinn des Betriebes entsteht, macht es Sinn, es zu produzieren. Es muß daher jeder Erzeuger - auch der Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte - bestrebt sein, möglichst niedrige Stückkosten zu verursachen.

Und nur wer einen höheren Preis als die Konkurrenz erzielen kann, kann sich höhere Stückkosten leisten.

Höhere Preise kann man nachhaltig nur dann erzielen, wenn das Produkt in der Einschätzung des Käufers besser ist - um konkret zu werden: nur die Kartoffel, die schöner aussieht oder besser schmeckt, also eine höhere Qualität besitzt, darf an der Ladentheke mehr kosten.

Wenn zur Qualität nur Aussehen und Geschmack zählen würden, würden die sensorischen Fähigkeiten des Kunden ausreichen, um die nötige Differenzierung zustande zu bringen. Zählen jedoch “verdeckte” Kriterien, wie z.B. Rückstände von Pflanzenschutzmitteln oder gar übergeordnete Gesichtspunkte, wie Naturbelastung bei der Produktion eine Rolle, so ist der Käufer an der Ladentheke überfordert. Er kann das Qualitätsversprechen nicht mehr selbst überprüfen, sondern muß der Verkäuferin oder den Aussagen des Etikettes vertrauen. Das Vertrauen ins Verkaufspersonal schwindet jedoch mit zunehmender Entfernung des Verkaufsortes vom Produktionsstandort und Papier, das weiß man ja, ist geduldig. Wenn jetzt obendrein die Kartoffel nicht ein wenig mehr, sondern 50% mehr oder doppelt so viel kostet, wie die Knollen im Regal daneben, dann ist es mit ein paar flotten Werbesprüchen nicht mehr getan. Wer jetzt nicht vermitteln kann, dass das was er verkaufen will, eine ganz andere Qualität aufweist, kann seine Ware wieder mit nach Hause nehmen.

Solche Preisunterschiede sind für Öko-Lebensmittel keineswegs selten, weshalb die Ökolebensmittel-Branche mehr als sonst irgendwer darauf angewiesen ist, das Vertrauen der Verbraucher zu gewinnen. Deshalb haben alle Zusammenschlüsse von Öko-Bauern Zeichen eingeführt, die, auf den Produkten angebracht, klare Signale aussenden sollten: “Hier ist ein Öko-Produkt, erzeugt nach unseren Richtlinien, kontrolliert auf deren Einhaltung”. Die Kontrolle der Kontrolle, wie sie durch die Akkrediterung ihrer Mitgliedsverbände durch die Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (AGÖL) oder auf internationaler Ebene durch die International Federation of Organic Movements (IFOAM) erfolgt, unterstützt die Glaubwürdigkeit dieser Aussage.

Bereits vor 14 Jahren, als die AGÖL gegründet wurde, sollte durch ein gemeinsames Dachzeichen mehr Markt-Transparenz geschaffen werden. Die Umsetzung dieser Absicht erwies sich jedoch als ebenso schwierig, wie die Marktposition und damit die Interessen-Lage der einzelnen Erzeugerzusammenschlüsse unterschiedlich waren. Dazu kam die ernüchternde Einsicht, dass auch nicht ansatzweise genug Geld vorhanden war, ein Zeichen im Markt bekannt zu machen. Das wurde erst durch die Zusammenarbeit der AGÖL mit der CMA möglich: Auf der grünen Woche 1999 wurde das Öko Prüfzeichen (ÖPZ) vorgestellt. Dieses Zeichen, das die Einhaltung der AGÖL-Standards kennzeichnete, fand zwar Verwendung auf vielen Produkten - ein Erfolgsgeschichte wurde es aber nicht. Nach wie vor war dafür ausschlaggebend, dass deutlich zu wenig Geld zur Verfügung stand, um es dem Verbraucher bekannt zu machen und auch die politische Unterstützung fehlte seinerzeit völlig.

Dies änderte sich erst, als im Herbst 2000 drei Buchstaben vom englischen Fremdwort zum Bestandteil des deutschen Sprachschatzes avancierten: BSE. Als sich dann mit Renate Künast zum ersten Mal ein für die Landwirtschaft verantwortliches Kabinettsmitglied als Befürworterin des Ökologischen Landbaus outete, entstand die nie da gewesene Chance, ein Prüfzeichen auf dem Markt durchzusetzen.

Die Ministerin hatte sich gleich zu Beginn erklären lassen, dass mit nichts anderem dem Öko-Markt so gut zu neuen Höhenflügen zu verhelfen sein würde, wie mit einem gemeinsamen Dachzeichen. Nun hätte es nahegelegen, mit Geld und prominenter Politiker-Unterstützung das ÖPZ zu beflügeln - denn schließlich gab es dieses Zeichen schon im Markt, markenrechtlich geprüft und eingetragen, mit einer für seine Vergabe und Betreuung bereits aufgebauten Struktur. Eine lange Diskussionsphase endete jedoch mit dem Entschluss der Ministerin, ein eigenes, neues Zeichen als staatliches Prüfzeichen einzuführen, dessen Verwendung nicht mehr die privatrechtlichen Standards der AGÖL sondern die gesetzlichen Standards der EU-Öko-Verordnung voraussetzen würde. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war der mit starkem Druck vorgetragene Wunsch des Lebensmittel-Einzelhandels, über ein möglichst unkompliziertes, den internationalen Warenaustausch nicht beschränkendes und kostenloses Zeichen verfügen zu können.

Das neue Bio-Siegel, welches im September 2001 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, wird nun die Rolle übernehmen, die das ÖPZ hätte spielen sollen.
Was bedeutet das für die ökologisch wirtschaftenden Landwirte und ihre Anbauverbände?


Zunächst ist unverändert richtig: wer neue Käuferschichten für Öko-Produkte erschließen will, muß Klarheit schaffen. Der Verbraucher muß wissen, wo er ins Regal greifen muß, wenn er sich mit Öko-Lebensmitteln ernähren möchte. Dafür wird Frau Künasts Zeichen gute Dienste leisten und auch die AGÖL wird sich dafür einsetzen, es schnell und breit bekannt zu machen.

Wer aber begriffen hat, dass die niedrigst-möglichen Stückkosten den Preis auf einem atomistischen Markt bestimmen, der weiß auch um die Gefahr eines Zeichens, das die Definitionsmacht auf dem Öko-Markt übernimmt, aber für ein niedrigeres - und damit kostengünstigeres - Richtlinien-Niveau steht. 75% der Ö;ko-Fläche Deutschlands wird nach AGÖL-Standard bewirtschaftet und damit beispielsweise ohne den Einsatz billiger Wirtschafts-Dünger, wie Gülle oder Hühnermist aus konventionellen Betrieben. Die EU-Verordnung jedoch erlaubt dies. Wenn unsere Bauern gegen die Betriebe in In- und Ausland bestehen wollen, die ohne die Auflagen der Verbände, ausschließlich nach den gesetzlichen Vorgaben der EU-Öko-Verordnung wirtschaften, dann kann es eng werden. Es ist jetzt wichtiger denn je, dass die deutschen Öko-Verbände dem Verbraucher die besondere Qualität ihrer eigenen Produktionsmethoden erklären und regionale Absatzwege stärken. Es muß aber auch das Versprechen eingefordert werden, das Renate Künast der AGÖL gegeben hat: in Brüssel für eine Anhebung der EU-Richtlinien an den Stellen zu kämpfen, wo die Produktionskosten am stärksten beeinflußt werden. Dr. Felix Prinz zu Löwenstein

Der Autor ist 47 Jahre alt und leitet nach dem Studium der Agrarwissenschaften und Promotion seit 1986 den land- und forstwirtschaftlichen Familien-Betrieb “Hofgut Habitzheim” in Otzberg bei Darmstadt. Herr Dr. Prinz zu Löwenstein gehört seit 2000 der Jury des vom KATALYSE Institutes ausgerichteten “Förderpreis Ökologischer Landbau” des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft an. Seit März 2001 ist er Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (AGÖL).
Autor: KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung
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Stand: 29. November 2001
Erstellt: 22. Oktober 2001
Inhaltsverzeichnis KATALYSE-Nachrichten 34: