Umweltjournal.de | Artikel Nr.: 617

Kühe sind nicht geschmacklos - Alpenrispengras schmeckt nicht wie Alpenrispengras

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Eine Rasenschmiele in einer fettigen Milchkrautweide ist wie ein Cervelat auf einer Fleischplatte; sie wird links stehen gelassen. Eine Rasenschmiele in einer Borstgrasweide ist jedoch wie ein Cervelat in einem harten Sandwich; sie wird mit Heisshunger verschlungen.

Agronomisch gesehen werden den Futterpflanzen je nach Gehalt und Beliebtheitsgrad sogenannte Futterwerte zugeordnet. Z.B. zählen Alpenrispengras, Kammgras, Kleearten und Muttern zu den besten Alpenpflanzen und Sonnenröschen, Kreuzkraut und Borstgras zu den schlechten. Diese Einteilung ist zu relativieren. Es kommt sehr darauf an, in welcher Pflanzengesellschaft und in welchem Alter und physiologischen Stadium das zu betrachtende Kraut sich befindet. Die meisten Pflanzen verlieren mit zunehmendem Alter, besonders nach der Blüte, an Schmackhaftigkeit, da der Nährstoffgehalt sinkt, der Rohfasergehalt und somit die Verholzung zunimmt und sekundäre Inhaltsstoffe (Gerbstoffe, Alkaloide usw.) auf- oder abgebaut werden.

Auch die Höhenlage wirkt sich auf die Pflanze aus. Je höher der Standort einer Pflanze liegt, desto konstanter bleiben ihre Nähr- und Mineralstoffgehalte und desto qualitativer bleibt das Futter erhalten (Lehmann, 1985). Als letztes seien noch die Umwelteinflüsse erwähnt. Dazu gehören Boden, Wasser, Klima, Witterung und Düngung, welche das Pflanzenwachstum bestimmen und somit einen indirekten Einfluss auf die Schmackhaftigkeit ausüben.

Die Kuh frisst nicht nur für die Milch
Meine Beobachtungen auf der Alp Riein zeigten, dass viele Kräuter und Gräser, die im agronomischen Futterwert nach Klapp et al. (1953) schlecht eingestuft sind, von den Kühen gern gefressen wurden und somit als Alpenfutterpflanzen von Bedeutung sind. Die nebenstehende Tabelle stammt aus meiner Diplomarbeit, in der ich einige Alpenpflanzen aufgrund ihrer Schmackhaftigkeit in die drei Stufen „gern gefressen“, „gefressen“ und „schlecht gefressen“ eingeteilt und mit dem Futterwert verglichen habe.

Was anderes Alpvieh gerne frisst
Schweine sowie Ziegen schmatzen gerne Blacken. Ziegen knabbern zudem mit Vorliebe an Disteln, Eisenhutblättrigem Hahnenfuss, Grauem Alpendost, am Alpenkreuzkraut und steigen an den Bäumen hoch. Schafe bevorzugen eher feine Kräuter, und die Pferde sind die besten Weiderestenfresser, begnügen sich auch mit Überständigem und Sauergräsern.
In der heutigen Alpwirtschaft, wo die Weiden meistens „monokulturartig“ nur mit Kühen, nur mit Schafen, nur mit Pferden usw. bewirtschaftet werden, vergisst man, dass das unterschiedliche Fressverhalten der verschiedenen Tierarten für eine ausgeglichene Weidebewirtschaftung nutzbringend eingesetzt werden könnte. Da Schafe und Ziegen sehr wählerisch sind, sollten sie als erste die Weiden bestossen. Ihre Leichtigkeit und Geschicklichkeit erlaubt es ihnen, dass sie später hoch oben an Steilhängen und schlecht zugänglichen Stellen ihren Bauch füllen können. Dank der Vorliebe der Ziegen für Sträucher bekämpfen sie auf extensiv genutzten Alpen die Verbuschung. Die Rinder sind dann auf die Weiden zu bringen, wenn das Gras stark ins Kraut schiesst, und die Pferde müssen die letzte Weiderunde vor dem nächsten Umtrieb drehen. Barbara Sulzer

Eine Liste mit der zitierten Literatur ist beim KATALYSE Institut erhältlich.

Dieser Artikel ist ungekürzt und zuerst im
„Handbuch Alp“ (S. 134-140) von Giorgio Hösli & Kaspar Schuler (Hrsg.), Octopus Verlag, Chur 1998, 365 Seiten, ca. 50,- DM, ISBN: 3-279-00533-7 erschienen. Sie können das Buch auch direkt beim Verlag bestellen: Octopus Verlag, Vazerrolgasse 1, CH-7002 Chur

Die schweizer Autorin ist 39 Jahre alt und studierte Agronomie in der Schweiz. Sie ist als Beraterin in einem Stallbau-Büro und überdies auf einem Bio-Bauernhof tätig. Im Sommer lebt und arbeitet sie als Älplerin.

Wir danken der Autorin und dem Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung des Artikels.

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Autor: KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung
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Stand: 10. Oktober 2002
Erstellt: 22. Oktober 2001
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