Umweltjournal.de | Technik und Wissenschaft  | Artikel Nr.: 233

Die Erdölreserven: Die Zeit des billigen Öls geht bald zu Ende - Einleitung-





von
Jörg Schindler und Werner Zittel

Das Problem der Begrenztheit der fossilen Energievorräte hat augenblicklich in der Öffentlichkeit keine Konjunktur. Politik, Industrie, Presse und Umweltgruppen sind sich erstaunlich einig, daß es zwar prinzipiell ein Ressourcenproblem gibt, daß dieses aber für die nächsten Jahrzehnte und möglicherweise auch Generationen kein wirklich reales Problem darstelle.

Obwohl der Club of Rome die Öffentlichkeit Anfang der 70er Jahre für das Thema sensibilisiert hatte und die Welt dann zwei Ölkrisen erlebte, die jedoch innerhalb weniger Jahre überwunden werden konnten, ist heute fast überall das Gefühl verbreitet, daß das Problem nicht aktuell sei und keine große Aufmerksamkeit verdiene.
Die Gesellschaft pflegt einen sehr kurzfristigen Umgang mit langfristigen Entwicklungen. Der Schluß, daß das Problem der Reserven eigentlich keine Beachtung verdiene, weil in den vergangenen 25 Jahren die Katastrophe nicht eingetreten ist, ist jedoch aberwitzig. Er gleicht der Meinung eines Menschen, der, nachdem er eine schwere Krankheit überstanden und dann viele Jahre überlebt hat, nun zu dem Schluß kommt, daß das Problem des eigenen Todes wohl doch nicht existiere.

Ressourcenschonung - Vermeidung des Verbrauchs begrenzter natürlicher Vorräte - und „Senkenschonung" - also Vermeidung der Folgen ungezügelter Ressourcennutzung - stellen die beiden wesentlichen Komponenten einer nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweise dar. Im Sinne der Nachhaltigkeit verdienen beide Argumente gleiche Beachtung. Heute findet in der energiepolitischen Debatte wenigstens der zweite Aspekt gebührende Aufmerksamkeit. Die Folgen des ungezügelten Energieverbrauchs sind Gegenstand internationaler Konferenzen und bereits heute für jeden sichtbar, der sie sehen will. Dagegen verläuft die Verknappung der Ressourcen schleichend und unsichtbar. Demgemäß wird der Ruf nach einer nachhaltigen Wirtschaftsweise fast ausschließlich mit der Emissionsproblematik begründet.

Tatsächlich aber hat sich von einer breiten Öffentlichkeit unbemerkt die langfristige Versorgungslage insbesondere beim Erdöl dramatisch zugespitzt. Wir vertreten hier die These, daß die Ressourcenfrage innerhalb weniger Jahre die Energiediskussion wieder dominieren oder zumindest gleichrangig beeinflussen wird.

Wir wollen mit diesem Beitrag die Vorstellung erschüttern, daß in Sachen Ölversorgung alles „in Ordnung" sei. Es sind sehr wohl bereits in den nächsten zehn Jahren auch chaotische Umbrüche denkbar. Wir wissen sicher nicht, wie die Zukunft sein wird, aber es gibt gute Gründe, zu glauben, daß das am wenigsten wahrscheinliche Szenario dasjenige ist, das davon ausgeht, daß die nächsten 20 Jahre so sein werden wie die vergangenen 20 Jahre.

Wir wollen zeigen, daß eine große Diskrepanz zwischen den grundlegenden Fakten und den tatsächlichen Handlungen der wichtigen Akteure auf der einen Seite und der öffentlichen Wahrnehmung auf der anderen Seite besteht. In der Presse finden sich isolierte Meldungen über „Fakten" wie neue Ölfunde, gestiegene Weltölreserven etc., die nicht in einen interpretierenden Zusammenhang gestellt werden. Wir wollen den Blick schärfen für das „Spiel", das unserer Meinung nach eigentlich gespielt wird, und für die dahinterstehenden Interessen. Erst dann werden die langfristigen Strukturen klarer sichtbar.

Erdöl ist auch heute noch mit fast 40% Anteil der wichtigste Energieträger. Die jährlich veröffentlichten statischen Reichweiten (eine Kennzahl, die besagt, wieviele Jahre das verbleibende Öl bei heutigem Verbrauch noch reichen würde), aber auch niedrige Preise suggerieren eine problemlose Ölversorgung für die kommenden Jahrzehnte. Die kritische Analyse dieser Veröffentlichungen jedoch läßt auch eine ganz andere Betrachtungsweise zu, die auf eine baldige Änderung auf den Ölmärkten schließen läßt.

Wenn man über die Rolle des Öls in unserer Energieversorgung spricht, so muß man auch über andere als nur die technischen und wirtschaftlichen Dimensionen sprechen: insbesondere auch über die Verteilungsgerechtigkeit (wer auf der Welt benutzt das Öl heute wofür?) und über die Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Diese Fragen betreffen natürlich nicht nur die endliche Ressource Öl, sondern genauso Gas, Uran und Kohle.

Eine stärkere Berücksichtigung der Endlichkeit der Rohstoffe wird auch den Ruf nach einer grundsätzlichen Änderung unseres Umgangs mit Energie stärker werden lassen. Wir sind der Meinung, daß, gerade weil das beginnende Versiegen der Erdölquellen bald sichtbar werden wird, auch eine gewisse Hoffnung angebracht ist. Diese Erkenntnis wird einen heilsamen Einfluß auf unsere Vorstellungen und schließlich auf unseren Umgang mit Energie ausüben. In dem Maße, wie sich eine Änderung der Ölversorgungslage abzeichnet, wird sich das System ökonomisch in eine neue Richtung bewegen. Dann werden zum ersten Mal die Märkte auch die langfristigen Knappheiten ansatzweise widerspiegeln. Dann wird es aus wirtschaftlichen Gründen ebenso aussichtsreich sein, das neue Geschäft eines zukunftsfähigen Umgangs mit Energie zu erschließen, wie das verbleibende Erdöl zu fördern.
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Autor: oekoserve GmbH
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Stand: 20. März 2003
Erstellt: 16. Dezember 2000
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