Umweltjournal.de | Technik und Wissenschaft  | Artikel Nr.: 61

Architekten lernen, wo Süden ist!





Franz Alt schreibt über die Bausitten der Deutschen in der Vergangenheit und was sich in Zukunft tun muss, um dem drohenden Klimakollaps vorzubeugen.
    Auch heute
  • sterben etwa 70 Tier- und Pflanzenarten aus;
  • entstehen etwa 20.000 Hektar Wüste zusätzlich;
  • werden 86 Millionen Tonnen fruchtbaren Bodens abgeschwemmt und abgetragen;
  • produzieren wir weltweit 100 Millionen Tonnen Treibhausgase.


Wir führen praktisch einen Dritten Weltkrieg gegen die Natur. Wir verbrennen heute an einem Tag soviel Kohle, Gas und Öl wie die Natur in einer Million Tagen geschaffen hat. Das heißt: Wir benehmen uns im Verhältnis 1:1.000.000 mal gegen die Gesetze der Natur. Hauptsächlich unsere falsche Energie-, Verkehrs- und Baupolitik ist verantwortlich für die drohende Kllimakatastrophe. Ein Gebäude steht durchschnittllich 100 Jahre. Macht es heute noch Sinn, eine Ölheizung einzubauen, nachdem die letzte Weltenergiekonferenz festgestellt hat, daß es in 40 Jahren kein Erdöl mehr gibt?

Ist aber ökologischer nicht teurer?

In der Nachkriegszeit, hauptsächlich in den 60iger und 70iger Jahren, war Wärmedämmung ein Fremdwort und Energieverschwendung kein Thema. Wirtschaftswunder-Deutschland hatte den Plattenbau entdeckt. Für die ARD-"Zeitsprung"-Sendung "Auf die Zukunft bauen" haben wir mit einer Spezialkamera feststellen können, wieviel Wärme aus Altbauten entweicht. Noch heute wird zumeist die Straße mitgeheizt. Heutige Niedrigenergiehäuser sind um den Faktvor vier bis zehn energiegünstiger. Welchen Beitrag können eine ökologische Baupolitik und die Solararchitektur außerdem zur Entschärfung der Klimakatastrophe leisten?

Ökologisches Bauen ist keine Modeerscheinung, sondern eine Herausforderung an unseren Überlebenswillen. Solararchitektur wird integraler Bestandteil einer zukünftigen regenerativen Energiewirtschaft sein. Solarpolitik und Solararchitektur bedeuten: Eine in der Geschichte der Menschheit noch nie dagewesene Anstrengung ist nötig, weil wir der größten Bedrohung in der Geschichte der Menschheit gegenüberstehen, dem Klimakollaps.

Das Schöne an einer künftigen Solararchitektur ist, daß wir schon heute wissen, wie sie anzuwenden ist und wie sie aussehen kann. Es gibt heute bereits in ganz Europa eine Vielzahl von Gebäuden, die zeigen: Ökologisches Bauen ist möglich, ästhetisch und bezahlbar. Architekten und Ingenieure, Bauherren und Unternehmer sind interessiert; Baupraxis und Architektur beginnen, sich zu wandeln.

Wer vor 15 Jahren einen Architekten fragte, was ein Niedrigenergiehaus ist, bekam die Antwort: "Ein Haus, in dem etwa 20% der Energie eingespart wird." Vor zehn Jahren waren schon 50% und vor fünf Jahren 80% weniger Energie nötig. Inzwischen sind wir beim "Nullenergiehaus" angekommen. Und Rolf Disch baut für die EXPO 2000 sogar die ersten Solarenergie-Plus-Häuser – das sind Häuser, die über Dach und Wände doppelt soviel Energie produzieren wie in diesen Häusern verbraucht wird. Hausbesitzer der Zukunft sind also Energieverkäufer. Das Haus wird zur Energieeinnahmequelle. Ich habe die Vision, dass im nächsten Jahrhundert in Deutschland aus 25 Millionen Gebäuden 25 Millionen Solarkraftwerke werden. Ökologisches Bauen ist aber mehr als eine Solaranlage auf dem Dach. Ökologisches Bauen heißt, baubiologische, soziale und raumplanerische Kriterien beachten.

    1). Baubiologische Kriterien:
    neben regenerativen Energiequellen natürliche Baustoffe wie Holz nutzen;
  • Wärmedämmung;
  • Kraft-Wärme-Kopplung durch Blockheizkraftwerke;
  • Einsparen von Trinkwasser durch Komposttoilletten;
  • Regenwassernutzung;
  • Kompostieren des Abfalls;
  • Luft reinhalten, um auch Pflanzen wieder riechen zu können.


    2). Soziale Kriterien:
  • Bürger beteiligen sich beim Planen und Bauen;
  • soziale Schichten und Generationen mischen;
  • variable Wohnformen.


    3). Raumplanerische Kriterien:
  • autofrei/autoarm, carsharing, öffentliche Verkehrsmittel;
  • einbinden in Kultur- und Naturlandschaft;
  • fußgänger- und fahrrad-freundlich;
  • Politik der kurzen Wege: Wohnen, Arbeiten, Versorgen und Erholen miteinander verbinden;
  • Ruhe einplanen und Lärm reduzieren;
  • nach Süden bauen.

Wenn Architekten lernen, wo Süden ist und entsprechend planen, sparen wir allein dadurch die Hälfte der Heizenergie. Das beliebteste Vorurteil heißt: Ökologisches Bauen ist zu teuer. Wenn jedoch die genannten Kriterien beachtet werden, macht die Architektur die Seele der Menschen weniger krank.

Die International Netherlands Bank baute in Amsterdam ein neues Gebäude nach den Kriterien der grünen Solararchitektur: viel Licht, viel Pflanzen, offen nach Süden, erneuerbare Energien, biologisches Baumaterial, transparente Räume, Ruhezonen und Meditationsräume. Die Mehrkosten waren nach knapp zwei Jahren amortisiert. Hauptgrund: Die Mitarbeiter waren nur noch halb so oft krank wie im alten Gebäude.
In vielen Fällen heißt ökologisch Bauen allerdings: nicht bauen, sondern sanieren. Der Ökologe Klaus Töpfer legte großen Wert darauf, daß die Bundesregierung beim Umzug nach Berlin lediglich das Kanzleramt neu baut. Alles andere wurde saniert.

Die Sonne schickt uns keine Rechnung. Auch die Ökohäuser der Reihe "Övolution" von der Firma "WEBER-Haus" sind nicht teurer als herkömmlich gebaute Häuser. Noch einen Schritt weiter geht die Firma Dow Chemical Europe. Ihr Ökohaus ist etwa 10% billiger als ein übliches Gebäude und bietet mit einem integrierten Innengarten mehr Komfort. Die Firma Viebrockhaus hat soeben in Fallingbostel die größte Massivbauhaus-Ausstellung Deutschlands eröffnet. Der Clou: Alle Häuser verbrauchen je Quadratmeter nur noch drei Liter Heizöl pro Jahr. Die „Drei-Liter-Häuser“ kommen damit noch mit einem Zehntel der Heizenergie aus, wie vor 30 Jahren gebaute Häuser. Dabei sind die Viebrockhäuser preisgünstiger als durchschnittliches Bauen sonst in Deutschland.

Der Baumarkt ist mit 550 Milliarden Mark Umsatz pro Jahr der größte Markt der Zukunft. Wer den Ökozug verpaßt, hat die Zukunft verschlafen. Bauen und Wohnen wird hauptsächlich dadurch billiger, daß es umweltfreundlich wird. Kluge Bauunternehmer wissen: Hauptsächlich mit grünen Ideen werden künftig schwarze Zahlen geschrieben.

Und schließlich - nicht ganz unwichtig in den Zeiten der Massenarbeitslosigkeit: 500.000 neue Arbeitsplätze werden benötigt, wenn die Wärmeschutzverordnung nicht nur für Neubauten, sondern auch für alle Altbauten in Deutschland gelten würde und wenn die zwei Millionen preiswerte Wohnungen, die heute fehlen, gebaut werden könnten. Dazu müßten zum Teil unsinnige Bauvorschriften geändert oder gestrichen werden. In Holland zum Beispiel wird zu einem Drittel billiger gebaut. Ökologisch Bauen ist also gut für die Arbeitsplätze, gut fürs Klima und - mittelfristig - gut für den Geldbeutel. Ökologie ist Langzeitökonomie. Langfristig war es für die Menschen aller Zeiten günstiger, mit der Natur zu leben als gegen sie. Solararchitektur und Ökologisches Bauen sind Voraussetzung dafür, daß die Erde für unsere Kinder bewohnbar und das Leben bezahlbar bleibt.
Autor: Franz Alt
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Stand: 20. März 2003
Erstellt: 22. August 2000

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