Umweltjournal.de | Technik und Wissenschaft  | Artikel Nr.: 16907

Zukunft ohne Öl (Raggam/ Faißner)





Graz, 22.06.2010: Können erneuerbare Energien die fossilen Energieträger ersetzen, ohne daß es zu massivem Wohlstandsverlust kommt und ohne daß die Agrarpreise explodieren? Die Autoren analysieren die verschiedensten Formen erneuerbarer Energie in Bezug auf ihren Wirkungsgrad, ihre technische Entwicklungsmöglichkeit und ihre Praktikabilität als echte Alternative zu den fossilen Energieträgern:

Biogas, Biodiesel und Bioethanol, BtL (Biomass to Liquid), Holzgas, Wasserstoff und Brennstoffzellen, Preßluft als Fahrzeugantrieb, Wind- und Wellenenergie, Erdwärme und Photovoltaik werden ausführlich behandelt.

Einige fundamentale Ergebnisse der Studie:

  • Gegenwärtig verbraucht der durchschnittliche Mitteleuropäer pro Kopf 4 kWh. Die Hälfte davon ist beim gegenwärtigen Stand der Technik ohne Komfortverlust einzusparen. Die verbleibenden zwei kWh/Kopf könnten zu 100% aus erneuerbaren Energien erzeugt werden.
  • Generell muß als Grundbedingung für die Nutzung nachwachsender Rohstoffe gelten: Die Versorgung mit Lebensmitteln aus dem eigenen Land darf in keiner Weise eingeschränkt werden. Schließt man eine Flächenkonkurrenz zwischen der Erzeugung von Lebensmitteln und von Energie aus, könnten laut einer vom Land Steiermark in Auftrag gegeben Studie 29% aller Haushalte mit Wärme und Strom aus Biogas versorgt werden. Der „Kahlschlag-Diesel“ aus tropischen Palmöl- oder Sojaplantagen ist hingegen negativ zu bewerten. Ihnen werden Regenwälder geopfert oder sie treten in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion. Außerdem ist bereits deutlich mehr als die Hälfte des weltweit angebauten Sojas genmanipuliert, dessen gegenwärtige Anbauweise zu massiver Bodenerosion führt. Der Verlust der Humusschicht bewirkt aber einen weiteren Anstieg des CO2-Gehalts der Atmosphäre. Auch benötigen die vermehrt angebauten Energiepflanzen einen starken Düngemitteleinsatz. Das dadurch freigesetzte Stickstoffoxid besitzt aber das 300fache Treibhauspotential von CO2. Die klare Folgerung der Autoren: Nur Produkte, die lokale Kreisläufe schließen, sind sozial- und umweltverträglich.
  • Die Biodiesel-Erzeugung ist eine Sackgasse: Seine Erzeugung ist sehr energieaufwendig und wollte man auch nur das EU-Ziel von 5,75% Biosprit bis 2010 erreichen, müßten rund 32% der gesamten Ackerfläche Österreichs für Raps verwendet werden. Die Erzeugung von Biogas ist dagegen eine bessere Alternative. Schon allein, weil die nach der Biogas-Erzeugung verbleibende Gülle eine bessere Düngewirkung als vergorene Gülle hat, da sie pflanzenverträglicher ist. Auch von der Energiebilanz her würde die Erzeugung von Strom und Wärme aus Biogas der Region und der Umwelt weit mehr bringen, als Biogas in Treibstoff zu verwandeln, wo die Abwärme ungenutzt bleibt.
  • Am besten schneidet als Treibstoff reines Pflanzenöl ab, das mit 9,2 kWh/l eine noch höhere Energiedichte als Biodiesel hat und gleichzeitig bei der Herstellung nur die Hälfte des Energieaufwandes benötigt. Sogar Rudolf Diesel betankte seinen ersten Motor mit reinem Pflanzenöl. Es ist bei Transport und Lagerung völlig unproblematisch, ungiftig, rasch biologisch abbaubar, nicht wassergefährdend, im Gegensatz zu Biodiesel genießbar und kann damit die Stoffkreisläufe leicht schließen. Es ist ein regionales Produkt mit kurzen Transportwegen und einfacher Logistik. Warum spielt es bei der Motorenentwicklung keine größere Rolle? Vielleicht weil die Mineralölkonzerne bei reinem Pflanzenöl im Unterschied zum Biodiesel nicht mitverdienen können?
  • Die Zukunft gehört Hybrid- oder reinen Elektrofahrzeugen. Bis 2020 sollen in Amerika 20%–30% der Autos mit Plug-in-Hybrid fahren, wo das Fahrzeug also nur bei größeren Geschwindigkeiten mit Treibstoff betrieben wird, beim langsamen Stop-and-Go in der Stadt jedoch elektrisch fährt und die dafür nötigen Batterien (oder Schwungräder, die sogar ein noch besserer Energiespeicher sind), einerseits von der Bremsenergie gespeichert werden, sich aber andererseits auch über Nacht an der Steckdose wieder aufladen lassen.
  • Auch reine Elektrofahrzeuge sind konkurrenzfähig. Die Geschichte des frühen Automobils ist maßgeblich durch das Elektroauto geprägt. Schon Thomas A. Edison entwickelte 1889 das erste Elektrofahrzeug und um die Jahrhundertwende waren in den USA weit mehr Elektro-PKW als benzinbetriebene Autos unterwegs. Selbst Ferdinand Porsche gab 1900 sein internationales Debüt mit einem Elektroauto. Heute wird in Kalifornien ein Elektro-Sportwagen gebaut, dessen Beschleunigungswerte jedem Porsche gefährlich werden und der bis zu 210 km/h erreichen kann. Eine Photovoltaik-Anlage von 20 m² reicht aus, um mit diesem Fahrzeug 15.000 km/Jahr zurückzulegen! Kein Motor kann die vorhandene Energie so effizient in Bewegungsenergie umsetzen wie ein Elektromotor. Sein Wirkungsgrad ist ungleich höher als beim Verbrennungsmotor: Je nach Fahrleistung liegt er bei 50%–68%, während es bei einem Diesel-Kleinwagen nur 20% sind. Eine andere in Kalifornien ansässige Firma produziert bereits einen Elektro-Pickup mit 160 km Reichweite und 150 km/h Höchstgeschwindigkeit, dessen Batterien mit einem Spezialgerät in zehn Minuten zu 95% aufladbar sind und eine Lebensdauer von 400.000 Kilometern aufweisen.
    Mit einer 40 m² Photovoltaik-Anlage könnte bereits jetzt ein komfortabler Elektro-Kleinwagen 25.000 km/Jahr fahren. In diesem Zusammenhang verweisen die Autoren auf eine weitere fast unglaubliche Tatsache: Es ist nicht nur möglich, Strom aus dem Netz in die Batterien der Elektroautos fließen zu lassen, sondern ebenso die Batterien für die Stromeinspeisung ins Netz zu nutzen. Elektroautos könnten damit in ihrer Gesamtheit ein riesiges Speicherkraftwerk darstellen. Eine kalifornische Studie hat ergeben, daß 1% aller Autos genügen würde, um den gesamten Bedarf an Regulierungsstrom abzudecken. Die Netzbelastung könnte so über geparkte Autos gesteuert werden anstatt Kraftwerke hoch- oder herunterzufahren.
  • Auch die Stromerzeugung kann mittels kleiner Netze regional und lokal erfolgen: Am Beispiel von Graz zeigen die Autoren auf, daß es möglich wäre, mittels Photovoltaik den gesamten Strombedarf aller Haushalte in einer Stadt selbst herzustellen. Eine weitere Möglichkeit bieten moderne Holzheizungen, die mittels Wärme-Kraft-Kopplungen im Winter ebenfalls Strom produzieren können. Die Siedlung „Am Steinweg“ bei Karlsruhe zeigt, daß es möglich ist, vor Ort 100% des Stromes zu erzeugen, der verbraucht wird.
    Mit einer Umstellung des Verkehrs auf Elektrofahrzeuge oder Hybrid-Fahrzeuge mit Elektro- und Pflanzenöl-Antrieb, einem Anbau von Energiewäldern und anderen Energiepflanzen auf Flächen, die nicht zur Lebensmittelproduktion benötigt werden und der flächendeckenden Nutzung von Sonnenenergie durch Photovoltaik bzw. Biogas zur Strom- und Wärmeerzeugung, ließe sich unser gesamter Energiebedarf mit Leichtigkeit aus erneuerbarer Energie gewinnen.
Autor: LEOPOLD STOCKER VERLAG GmbH
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Stand: 22. Juni 2010
Erstellt: 22. Juni 2010

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