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Umweltjournal.de | Technik und Wissenschaft  | Artikel Nr.: 13339

Sind Quallen ein Vorbote des Klimawandels? Quallenalarm vor Irland

Kiel, 24.11.2007: Seit mehreren Jahren häufen sich Berichte über Quallenplagen, meistens wenn sie mit Strandsperrungen in der Badesaison verbunden sind. Die Meldung vom 21. 11. 2007 hat jedoch eine neue Qualität: Ein riesiger Schwarm der Leuchtqualle Pelagia noctiluca soll in die Netzkäfige einer Lachsfarm vor Nordirland getrieben sein und dort den gesamten Fischbestand vernichtet haben.


Massenentwicklungen der Leuchtqualle sind eher aus wärmeren Meeren wie das Mittelmeer bekannt. Weil die Tiere giftige Nesseln haben, mussten schon mehrmals Strandsperrungen erfolgen, zuletzt im Sommer 2006. Bislang galt die Leuchtqualle in britischen Gewässern als selten. Nun steht die Frage im Raum: Ist das ungewöhnliche Massenauftreten der Leuchtqualle vor Nordirland ein weiteres Beispiel von klimabedingten Verschiebungen in marinen Ökosystemen?

Die Agenturmeldung klingt wie ein Sciencefiction Thriller: ein Schwarm von Leuchtquallen, 25 Quadratkilometer in der Fläche und 12 Meter tief, treibt im Ozean auf eine Fischfarm zu. Das Meer ist durch die schleimigen Nesseltiere rot gefärbt. In ihren Netzkäfigen sind über 100.000 Lachse den giftigen Nesselkapseln hilflos ausgesetzt. Sie können nicht wegschwimmen, um dem für sie tödlichen Gift zu entkommen. Ein Dutzend herbeieilende Mitarbeiter der Anlage sitzen in ihren Booten und beobachten das Massensterben. Sie können für die Tiere nichts tun. Binnen sieben Stunden ist alles vorbei, kein einziger Lachs ist mehr am Leben. Dieser Vorfall geschah am 21. November in der einzigen Aquakulturanlage Nordirlands und wird zur Schließung des Betriebs führen. Aufgrund des großen öffentlichen Interesses nimmt das Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) in Kiel zu dem Vorfall Stellung.

Die Vernichtung einer Fischpopulation in Zuchtanlagen durch Quallen ist wohl ein erstmaliges Ereignis. Dr. Uwe Waller, Experte für Aquakultur am IFM-GEOMAR, kennt Bedrohungen von Zuchtanlagen bisher nur durch giftige Algen. "Es ist schon vorgekommen, dass Netzkäfige mit Fischen per Hubschrauber versetzt wurden, um die Fische auf dieser Weise vor Gefahren, zum Beispiel einer giftigen Algenblüte, zu retten", sagt Waller. Sein Kollege Prof. Ulrich Sommer, Meeresbiologe am IFM-GEOMAR in Kiel, ergänzt, "Die Tiere in den Netzkäfigen sind einem treibenden Quallenschwarm hilflos ausgeliefert. Dennoch ist es wichtig herauszustellen, dass Quallen ihre Beutetiere nicht zielgerichtet angreifen, wie es oft in den Medien beschrieben wird. Sie sind passive "Leimrutenfänger", die den Meeresströmungen ausgesetzt sind."

Quallen sind faszinierende Meeresbewohner, die einerseits äußerst fragil sind, andererseits effiziente Mechanismen für die Nahrungserwerb entwickelt haben. Sie paralysieren ihre Beute mit einem unmittelbar wirkenden Gift, das über Nesselzellen in den Organismus injiziert wird. Nur so ist es ihnen möglich, ihre Beute nicht zu verlieren und zu verdauen. Auch die Leuchtqualle Pelagia noctiluca bedient sich diesem äußerst wirkungsvollen Mechanismus. Für den Menschen ist die Berührung mit einer Leuchtqualle sehr schmerzhaft, aber nicht lebensgefährlich. Für den Lachs, so die Erkenntnis aus dem Vorfall in Nordirland, sind die injizierten Giftstoffe offensichtlich tödlich.

Die Aquakultur in Netzkäfigen entlang der Küsten unterliegt vielen Gefahren, vor denen sie sich kaum schützen kann. Dazu gehören zum Beispiel auch die so genannte "Red Tide", das flächenhafte Aufkommen von giftigen Planktonorganismen, die jedes Jahr große Verluste für die Aquakultur bedeuten. Ähnlich wie die Quallen, treiben hier dichte Teppiche von rot gefärbten Planktonorganismen in die Netzkäfige hinein. Oft wird versucht, durch Beobachtung aus der Luft, die betroffenen Farmen in sichere Bereiche zwischen den Algenteppichen zu ziehen. Wie kann man vorbeugen? "Eine genaue Beobachtung der Umwelt ist die einzige Möglichkeit, rechtzeitig zu reagieren", meint Uwe Waller, "die Aquakultur an den Küsten wird sich mit Frühwarnsystemen befassen müssen, sollen derartige Vorfälle verhindert werden."

Die zunehmende Häufung von Meldungen über Quallenplagen wird von Forschern hauptsächlich mit drei Faktoren in Zusammenhang gebracht: Überfischung, Eutrophierung und den Klimawandel. Jede dieser Erklärungen hat eine gewisse Plausibilität für sich, ist aber in der Gesamtheit der Wechselwirkungen noch nicht hinreichend überprüft. Die meisten Quallen sind Nahrungskonkurrenten von Kleinfischen und Fischlarven. All diese Gruppen ernähren sich von mikroskopisch kleinen Tieren, das so genannte Zooplankton. Wenn die Fischpopulation durch Überfischung stark sinkt, dann erhöht sich das Nahrungsangebot für die Quallen und ihre Zahlen steigen. Einen ähnlichen Effekt sollte die Zunahme des Planktons als Folge der Eutrophierung haben. Prof. Ulrich Sommer, deren Forschung sich mit den Ökosystemen im Meer und ihre Reaktionen auf globaler Umweltänderungen befasst, zieht ein Fazit: "Momentan ist es keineswegs klar, welches der genannten Faktoren das Quallenwachstum am stärksten fördert oder ob es auf die Kombinationswirkung ankommt. Was wir jedoch beobachten, sind zunehmende Ausnahmeereignisse in Verbindung mit diesen Tieren."

Die Unsicherheit des gegenwärtigen Kenntnisstandes zum Verhalten und Ausbreitung von Quallen hat sicherlich damit zu tun, dass die Nesseltiere als "Sackgasse" in der Nahrungskette gelten. Sie tragen nichts oder nur wenig zur Ernährung von Fischen bei und bekamen deshalb weniger Aufmerksamkeit in der Meeresforschung als Fische oder Plankton. Doch in massenhaftem Auftreten hat die Qualle eine nachteilige Wirkung auf die Nutzung des Meeres durch den Menschen. "Wenn die Qualle tatsächlich als eine Art Indikator für globale Änderungen sein sollte, wie die vermehrten Meldungen andeuten, dann müssen wir ihr in der biologischen Meeresforschung in Zukunft mehr Beachtung schenken", so Ulrich Sommer. "Die Einzelteile des Puzzles sind im Meer verfügbar, wir müssen sie nur verstehen", ergänzt Uwe Waller.

Autor: Leibniz-Institut für Meereswissenschaften, Kiel

Weiterführende Informationen:


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Erstellt: 24. November 2007