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Umweltjournal.de | Recycling und Entsorgung  | Artikel Nr.: 4120

Stahlrecycling: Aus dem Leben einer Waschmaschine

Köln, 13.01.2003: Vor dem Ofen sind sie alle gleich: Der Kotflügel, die Waschmaschine oder die alte Eisenbahnbrücke. Oft mehr als einmal in ihrem Lebenszyklus treffen sie sich wieder, zur kollektiven Feuertaufe für ein neues Dasein im Dienste der Verbraucher. Nach rund 20 Jahren Lebensdauer kehren gut 70 Prozent aller Stahlprodukte in den Materialkreislauf zurück.

Staubwolken, Ruß und Qualm, die tristen Rauchzeichen der alten Montanindustrie, sucht man bei den High-Tech-Öfen der Stahlverwerter heute vergebens. Seine Wiedergeburt erlebt das Alteisen im sauberen Elektrolichtbogenofen. Nur 90 Minuten dauert das Inferno, dann ist aus unscheinbarem Schrott Stahl bester Qualität geworden. Das lohnt sich: Stahl aus Schrott im Lichtbogenofen braucht rund 60 Prozent weniger Primärenergie, als Stahl, der aus Eisenerz und Koks in der Hütte gekocht wird. Jedes Jahr werden global annähernd 400 Mio. Tonnen Stahlschrott verwertet. Das ist doppelt so viel, wie 1950 an Stahl produziert wurde. Rund die Hälfte des heute weltweit erzeugten Stahls stammt bereits aus Schrott.

Herzstück der Elektro-Lichtbogenöfen ist der Graphit. Mit einer Stromstärke von annähernd 140 000 Ampere erzeugen die Graphitelektroden eine Gluthitze von rund 3000 Grad Celsius, die den Stahlschrott zur Schmelze zwingen. Das stellt sogar Naturgewalten in den Schatten. Ein Blitz kann während eines Gewitter für den Bruchteil einer Sekunde eine Stromstärke von lediglich 100 000 Ampere erzeugen. Das Geschäft mit dem schwarzen Blei, wie die Alchemisten den geheimnisvollen Stoff Graphit ehrfurchtsvoll benannten, läuft sehr gut. Der Marktführer SGL Carbon aus Wiesbaden bestreitet damit die Hälfte seines Gesamtgeschäfts. Allerdings wird der Graphit bei SGL Carbon auch nicht aus natürlichen Ressourcen gewonnen sondern technisch erzeugt. Nur durch die Kunst der Wissenschaft lassen sich heute Graphitelektroden mit 800 mm Durchmesser herstellen, die dem Verfahren der Elektro-Stahlerzeugung erst den wirtschaftlichen Segen erteilen. Dank der Weltneuheit der Wiesbadener kann ein Elektro-Stahlwerk mit höheren Stromstärken, also höherer Energiezuführung arbeiten und somit in gleicher Zeit mehr Stahl erzeugen.

Im Lichte nachhaltigen Wirtschaftens steht Stahl beinahe einzigartig da. Stahl kann dank seiner mechanischen Eigenschaften beliebig oft in den Materialkreislauf zurückgeführt werden, ohne jeglichen Qualitätsverlust - anders als Papier, Kunststoff oder Glas, wo immer ein Qualitätsverlust auftritt. Kein Wunder, dass das Recyceln von Stahl ein bedeutender Wirtschaftszweig ist und schon immer war.

Durchschnittlich 12 Jahre dauert das Leben eines Autos, einer Spülmaschine oder eines Küchenherds. Dann kommt die heiße Phase. Zuvor allerdings wird sortiert. Durchschnittlich drei Millionen Autos und 4,5 Millionen Haushaltsgeräte zerlegt die deutsche Recyclingwirtschaft jedes Jahr in ihre Bestandteile. Und das sortenrein. Das Gehäuse der Waschmaschine wird Stahlschrott, die Edelstahl Rostfrei Trommel wird zu neuem Edelstahl Rostfrei geschmolzen. Rund 50 Prozent der Edelstahl Produktion in Deutschland wird heute aus Recyclingstahl hergestellt. Das spart zudem wertvolle Legierungselemente wie Chrom, Nickel, Molybdän, die teuer und nicht unbegrenzt vorhanden sind.

Insgesamt wird in Deutschland jedes Jahr rund 1,5 Million Tonnen Shredderschrott erzeugt. Blechdosen kommen gleich in den Ofen, große Teile wie Brücken kommen erstmal unters Messer. Zweieinhalb Meter lange Scheren mit einer Druckkraft von 2000 Tonnen zerteilen selbst Eisenbahnwaggons in handliche Portionen. Einer komplikationslosen Materialtrennung hat die Natur bereits vorgearbeitet: Magnete trennen den Weizen von der Spreu. Manche Teile werden auch einfach so lange gerüttelt, bis die anhaftenden Teile abgesondert und der Schrott reif fürs Einschmelzen ist.

Die Stahlrecyclingwirtschaft in Deutschland erzielt pro Jahr einen Umsatz von rund 10 Milliarden Euro. Rund 2000 Betriebe hierzulande sammeln gebrauchten Stahl, rund 20 Millionen Tonnen im Jahr. Um dem Alteisen zu Leibe zu rücken, bereiten 210 Großscheren, 150 Großpressen und 55 Shredder alte Autos, Haushaltsgeräte, Maschinen, Industrieanlagen, Gebäude oder Brücken wieder auf für hochwertige Stahlprodukte.

Autor: Isabel Braun

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Stand: 13. Januar 2003
Erstellt: 13. Januar 2003