Umweltjournal.de | Recycling und Entsorgung  | Artikel Nr.: 14941

Kritik an PVC-Recyclingzahlen: Verbrennung ist keine Verwertung – Branche weist Vorwürfe zurück





Bonn, 20.11.2008: Der Europäische Verein für PVC-Recycling (EUPV) in Bonn fährt schwere Geschütze gegen die PVC-Industrie auf: So rechne angeblich die Branche ihre Recyclingmengen schön und führe Politiker, Umweltverbände und die Recyclingwirtschaft hinters Licht. Auslöser der Kritik ist ein Schreiben Arbeitsgemeinschaft PVC und Recycling (AGPU). Dort werde verkündet, dass bundesweit 70 Unternehmen im vergangenen Jahr mehr als 200.000 Tonnen PVC werkstofflich recycelt haben.


"Diese Verwertungszahlen sind eine Frechheit. Im Fortschrittsbericht von vinyl 2010 stehen für Deutschland im Jahr 2007 nur 35.000 Tonnen als werkstofflich verwertete PVC-Mengen“, empört sich Rechtsanwalt Sebastian Frings-Neß, Vorsitzender des EUPV. Die auf der AGPU-Homepage veröffentlichten Verwertungszahlen würden einen an das Ausschlussprinzip wie bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ erinnern. „Zu Beginn wird eine Studie erstellt, die die jährliche PVC-Abfallmenge errechnet. Im Rahmen einer retrograden iterativen Annäherung werden dann die tatsächlich nachgewiesenen Verwertungsmengen abgezogen. Weil kein PVC mehr auf der Strasse liegt, es auf Deponien nicht mehr abgelagert werden kann, muss es logischerweise in Müllverbrennungsanlagen rohstofflich verwertet worden sein“, vermutet Frings-Neß.

Das sei nicht nur Schönfärberei, sondern ökologisch höchst fragwürdig. „PVC setzt bei der Verbrennung Chlor frei und greift die Öfen der Müllverbrennungsanlage an. Bei den normalen Verbrennungstemperaturen bildet sich Dioxin, das durch die Umweltskandale in Seveso und Bhopal noch in furchtbarer Erinnerung ist. So überrascht es nicht, wenn MVA-Betreiber PVC-Abfälle strikt ablehnen“, sagt Frings-Neß.

AGPU und Vinyl 2010 weisen entschieden die Vorwürfe des Bonner Vereins zurück, dass Statistiken zu PVC-Recyclingzahlen in Deutschland durch die Industrie in gewisser Weise irreführend manipuliert worden seien. Auf der Grundlage der von der Marktforschungsgesellschaft Consultic durchgeführten Erhebung war es eine Gesamtmenge von 221.000 Tonnen PVC, die in Deutschland im Jahr 2007 werkstofflich recycelt wurde, teilen die beiden Organisationen mit und erklären weiter: „Aufgrund des langen Lebenszyklus vieler PVC-Anwendungen wie zum Beispiel von Rohren und Fensterrahmen ist der Anteil von PVC, der in den allgemeinen Abfall gelangen kann, zur Zeit immer noch äußerst gering. Kommunale Müllverbrennungsanlagen werden strengstens kontrolliert und reguliert. PVC ist nur einer von verschiedenen Einträgen zu dem Chloranteil von städtischem Abfall und daher werden Müllverbrennungsanlagen so konzipiert, dass sie sauren Rauchgasen standhalten“.

Unabhängige und gut dokumentierte wissenschaftliche Studien hätten zudem bewiesen, dass Emissionen von Dioxinspuren Ergebnis von Verbrennung des normalen Mülls ist, „unabhängig davon, ob PVC in der Mischung vorhanden ist oder nicht, und dass Emissionen von Dioxinen in die Atmosphäre über die vergangenen Dekaden dramatisch gefallen sind, während die Menge an produziertem PVC stark angestiegen ist“, so die AGPU und Vinyl 2010. „Bemerkenswert ist, das AGPU und Vinyl 2010 sich gemeinsam auf die Daten einer selbst in Auftrag gegebenen Studie beziehen. Es liegen weder national noch international Erhebungen unabhängiger Institutionen zur werkstofflichen PVC-Verwertung vor, auf die sich die deutschen und europäischen Interessenverbände der PVC-Industrie stützen können“, kontert der EUPV-Vorsitzende Frings-Neß.

Die in Auftrag gegebenen Zahlen des Marktforschungsunternehmens Consultic würden auf Stichproben basieren und seien mit Hilfe statistischer Mittel berechnet worden. „Die im Verwertungsszenario dargestellten Säulen der PVC Verwertung brechen bei näherer Betrachtung weitgehend zusammen. Die PVC-Industrie ist die einzige Branche, die mit der Verwertung von 144.000 Tonnen Produktionsresten aus der Verwendung von Primärmaterialien, ihre Recyclingquote beweist. Keine einzige europäische Recyclingverordnung lässt zu, Verwertungsquoten mit der Aufbereitung von Produktionsresten darzustellen. Das ist genau das gleiche, wenn die Verwertungsquote für Kunststoffe im Rahmen der Verpackungsverordnung durch das Recycling von Stanzresten aus der Produktion von Joghurtbechern belegt wird. Damit wird die PVC-Industrie einer Recyclingquote nach europäischen Maßstäben nicht gerecht“, moniert Frings-Neß.

Auf Rückfrage hätte die Dachorganisation der europäischen Grüne Punkt Systeme Pro Europe in Brüssel bestätigt, dass in keinem ihrer Mitgliedssysteme PVC- Verpackungen im Rahmen einer nationalen Verpackungsverordnung recycelt werden, da dieser Kunststoff den gesamten werkstofflichen und rohstofflichen Verwertungsprozess störe. PVC werde bei Verwertungsbetrieben und Produktionsanlagen für Ersatzbrennstoff extra durch hoch technisierte automatische Erkennungssysteme ausgetragen, um den weiteren Verlauf des Produktionsprozesses nicht zu behindern. „Vergleichbare Sortierprozesse finden auch bei Elektronikschrottverwertung und der Automobilaufbereitung statt“, erklärt Frings-Neß. PVC werde in der Regel aus dem Verwertungsweg ausgeschlossen. „Wohin verschwindet das gesammelte und aussortierte PVC? Eine Sortieranalyse gemischter Hartkunststoffballen für den asiatischen Exportmarkt aus dem Jahr 2007 kann weiteren Aufschluss geben. Zwischen 16 und 23 Prozent der als PE, PP und PS verkauften Mengen bestanden aus PVC, welches als Abfall besonders in ostasiatische Staaten exportiert wird“, sagt Frings-Neß.

Am 26. November 2008 wird es in Bonn zu dieser Problematik eine Tagung geben.
Thema: PVC – Rohstoff und Sorgenkind der Entsorger?
Ort: Internationales Informationszentrum für Umwelt, Abfall und Recycling.
Margaretenstr. 1, 53175 Bonn. Beginn um 9,30 Uhr. Siehe auch: http://www.ascon-net.de.


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Autor: neue nachricht
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Stand: 20. November 2008
Erstellt: 20. November 2008

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