Umweltjournal.de | Politik und Wirtschaft  | Artikel Nr.: 590

Aug’ um Auge: Da wird die ganze Welt blind





3. Es gibt auch ökologischen Terror
Noch vor wenigen Wochen hat George W. Bush der erstaunten Welt erklärt, die USA könnte sich Klimaschutz finanziell nicht leisten. Das sei für die US-Wirtschaft zu teuer. Jetzt aber bewilligt der amerikanische Kongress - ohne Gegenstimmen - 20 Milliarden Dollar für einen länger anhaltenden Krieg.

{b1l}Haben wir in der "zivilisierten Welt" noch die Fantasie uns vorzustellen, was passieren könnte, wenn die USA und England, Frankreich und Deutschland wenigstens Teile ihrer Militärhaushalte dafür ausgegeben hätten und dafür ausgeben würden, dass auf dieser Welt kein Kind mehr verhungern oder verdursten muss? Es ist ein durch nichts zu rechtfertigender Skandal, dass es auf unsere Erde mehr Sprengstoff als Nahrungsmittel gibt. Zur Zeit irren in Afrika 18 Millionen Wasserflüchtlinge umher - sagt Klaus Töpfer und spricht zurecht von einer ökologischen Aggression der Reichen gegen die Armen. Auch das ist Terror. Wer hört denn heute noch auf diese Hilfeschreie zugunsten der Ärmsten auf unserem geschundenen Planeten? Dabei wissen wir längst, dass es auf dieser Erde nicht zu wenig Wasser, sondern einen falschen Umgang mit Wasser gibt, der korrigierbar wäre mit entsprechenden Mitteln, die heute aber weltweit in Hochrüstung gesteckt werden. Wenn sich dieser Irrsinn jetzt noch verstärkt, wird das Leid von Millionen Menschen noch größer. Und Unsicherheit und Angst nehmen noch mehr zu – wahrscheinlich auch der Terror.

Im Jahr 2000 wurden allein in den armen Ländern Afrikas zweieinhalb Millionen Menschen umgebracht mit Waffen, die in reicheren Ländern produziert worden waren. Wo war die Hilfe, wo auch nur der Aufschrei der "zivilisierten Welt"? Wo ist der politische Wille, Waffenproduktion und Waffenexporte zu verbieten?

{b2l}Täglich verhungern auf diese Erde mindestens 100.000 Menschen - wo sind die Sondersendungen im Fernsehen? Wo die Milliarden Hilfs-Dollars? Gerechtigkeit heißt: Nur wenn die Armen eine neue Perspektive haben, kann es den Reichen weiter gut gehen. Der Hinweis auf diese Tatsachen hat mit Verständnis für Terroristen natürlich nichts zu tun. Weder Verständnis noch gar Einverständnis, sondern verstehen wollen, um Alternativen zu finden, ist unser Thema.

{b3l}Die deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder haben auf internationalen Konferenzen feierlich und eindrucksvoll versprochen, Deutschland werde 0,7 Prozent seines Bruttosozialproduktes für Entwicklungshilfe in den armen Ländern einsetzen. Im Jahr 2000 waren es 0,28 Prozent, 2001 und 2002 werden es noch weniger sein. Dabei weiß jedes 12-jährige Schulkind, dass unser materieller Wohlstand auch darauf beruht, dass wir Dritte-Welt-Ländern unverschämt wenig Geld für ihre wertvollen Rohstoffe bezahlen. Darf man an diese Fakten in der "zivilisierten Welt" noch erinnern oder ist dieses Erinnern schon Verrat am jetzt zu führenden "monumentalen Krieg"? Die geistigen Stahlhelme, die jetzt aufgesetzt werden, der Kulturkampf gegen das Böse, zu dem jetzt geblasen wird, werden sie unsere Ohren gegenüber den Hilferufen der Armen vollends verstopfen?

4. Es gibt auch das andere Amerika
Wir brauchen im 21. Jahrhundert eine Politik der Bergpredigt. Die Jesus-Strategie "Liebt Eure Feinde" meint ja nicht, dass wir uns von Gewalttätern alles gefallen lassen sollten, aber sie meint sehr entschieden: Sei klüger als dein Feind! Der Meister aus Nazareth war ein großer Realist, kein Utopist. Seine Visionen einer besseren Welt können heute hilfreich sein. Buddha und Jesus sind und bleiben die Visionäre einer Welt mit mehr Güte, Liebe, Toleranz und Menschenfreundlichkeit. Die Bergpredigt ist kein Heimatroman.

Tröstlich ist, dass Bushs Gegenspieler Al Gore am 20. September 2001 in Basel in 70 Minuten 14 mal gesagt hat: „Wir müssen uns ändern“. Der Mann hat in USA mehr Stimmen bekommen als der derzeitige Präsident. Es gibt auch das andere Amerika.
Autor: Franz Alt
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Stand: 24. März 2003
Erstellt: 18. Oktober 2001

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