Inserate
Top-News Politik und Wirtschaft
Kernkraft kann auslaufen
Fragwürdiges CCS-Gesetz soll schmutzigem Kohlestrom sauberes Image verschaffen
Gewerbegebiet Ostsee?
BUND-Klage gegen Bundesumweltministerium erfolgreich. BMU muss Unterlagen zum Elbschutz rausrücken
Wirtschaftsministerium hält Energiebericht zurück
Energieeffizienz statt Laufzeitverlängerung: Umwelt-, Verbraucherverbände und Gewerkschaften fordern zukunftsweisendes Energiekonzept
Werbung mit Klimaschutz beeinflusst Kaufverhalten
Taktloses Muskelspiel der Energiebranche
Transport- und Logistiksektor bleibt auf der Strecke
Familienstiftung investiert in ForestFinance-Mischwälder
Neue EU-Luftqualitätsrichtlinie in deutsches Recht umgesetzt
Atomkonsens einhalten: Atomlobbyisten in die Schranken weisen!
Grausame Tierquälerei bei Milchproduzent für Humana Milchunion
Etikettenschwindel im Textilhandel beenden
Trinkwasser wird Menschenrecht
Katalonien verbietet Stierkampf
Betriebsstromspiegel 2010: Mieter zahlen jährlich 100 Millionen Euro unnötig zuviel!
Die Nutzung der Windenergie auf dem Meer kennt nur Gewinner
WWF Statement zur Verschiebung des US-Klimagesetzes
Lieber aufgedreht als abgefüllt
Inserate
Umweltjournal.de | Politik und Wirtschaft  | Artikel Nr.: 16576

Umwelt sitzt am Katzentisch

Berlin, 04.02.2010: Nach Ansicht der fünf großen deutschen Umweltorganisationen BUND, DNR, Greenpeace, NABU und WWF hat die neue Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel in ihren ersten 100 Tagen die Umweltpolitik spürbar vernachlässigt. Während sich das Umweltministerium bemühe, seinen Aufgaben gerecht zu werden, spiele das Thema Umwelt bei der schwarz-gelben Bundesregierung insgesamt kaum eine Rolle.


Vor allem in der Energie- und Klimapolitik, aber auch beim Schutz der biologischen Vielfalt sei weder eine gemeinsame Linie noch ein ressortübergreifendes Engagement aller Ministerien zu erkennen. Ein Umbau der Wirtschafts- und Finanzpolitik sei dringend notwendig, um die ökologische Krise abzuwenden. Die einzelnen Ministerien für Umwelt, Wirtschaft, Agrar, Entwicklung, Verkehr und Forschung betrieben häufig eine gegensätzliche Politik in Sachen Umwelt. Die Umweltverbände appellierten an Bundeskanzlerin Merkel, den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen in allen Ressorts als Priorität zu verankern.

Ein völliges Versagen attestierte DNR-Präsident Hubert Weinzierl der schwarz-gelben Bundesregierung bei der zentralen Herausforderung, die Wirtschafts- und Finanzkrise und die ökologische Krise gemeinsam zu bewältigen. „Es ist schon erstaunlich, dass die neue Bundesregierung ausgerechnet bei ihrer angeblichen Kernkompetenz, der Wirtschafts- und Finanzpolitik so kläglich scheitert. Alte Fehler würden einfach fortgeschrieben. Klassisches Beispiel ist das Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Anstatt mit diesem weitgehend wirkungslosen Gesetz der Hotelbranche eine Milliarde Euro an Steuerreduzierung zu gewähren, hätte die Regierung den verringerten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent befristet für zukunftsweisende Sektoren wie den ökologischen Landbau, der viele Vorteile beim Klimaschutz und Erhalt der biologischen Vielfalt aufweist, gewähren können“, sagte der DNR-Präsident. Die Bundesregierung habe die drängenden Fragen, wie alle diese Ausgaben gedeckt werden können, nicht beantwortet. Bei einem Gesamtschuldenstand des Staates von 1,6 Billionen Euro, einer Neuverschuldung allein des Bundes für 2010 von über 86 Milliarden Euro und in den nächsten vier Jahren von über 262 Milliarden Euro müsse das Steuer- und Abgabensystem nachhaltig umgestaltet werden. Nach Auffassung des DNR seien strenge Vorschriften zur Eindämmung des Einflusses der Banken ebenso erforderlich, wie die Einführung einer Börsenumsatzsteuer. Ein geringer Steuersatz von 0,1 Prozent erbringe dort ein Steueraufkommen von mehr als 35 Milliarden Euro. Auf der anderen Seite könnten die Ausgaben durch den Abbau umweltschäd­licher Subventionen in Höhe von 42 Milliarden Euro nach Untersuchungen des Umweltbundesamtes im Jahre 2006 spürbar verringert werden.

Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): „Wie in anderen Politikfeldern wird deutlich, dass die Bundesregierung auch im Umweltbereich einen Zick-Zack-Kurs fährt. Es gibt viele Ankündigungen und Versprechen, der notwendige ökologische Umbau der Wirtschaft aber wird auf die lange Bank geschoben. Besonders sichtbar ist dies im Agrarsektor, wo mit milliardenschweren Subventionen die Überproduktion und der Export von Milch und Fleisch gefördert werden. Diese Politik macht vielen bäuerlichen Betrieben den Garaus. Der Milchpreis ist im Keller und die Bauern protestieren zu Recht. Unverantwortlich ist auch, dass Schwarz-Gelb den Anbau der Genkartoffel Amflora unterstützt. Mit der Nennung dieses Namens hat es erstmals ein konkretes Unternehmensprodukt - in diesem Falle vom Chemieunternehmen BASF - in den Koalitionsvertrag einer Bundesregierung geschafft. Dies zeigt, wohin die Reise geht: die Absatzinteressen der Industrie, in diesem Falle der Gentechnik- und Agroindustrie, bekommen Vorrang, Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutz bleiben auf der Strecke.“ Weiger warnte auch vor der Tendenz, das Siegel „ohne Gentechnik“ zu diffamieren. Weil ihr die gentechnikfreie Lebensmittelproduktion ein Dorn im Auge sei, bekämpfe eine unheilige Allianz aus Teilen der Ernährungsindustrie, dem Deutschen Bauernverband und Unions-Abgeordneten dieses Siegel. Insbesondere Bundesagrarministerin Ilse Aigner müsse Flagge zeigen und für die weitere Durchsetzung der „ohne Gentechnik“-Kennzeichnung eintreten. Nur dann habe der Verbraucher Sicherheit, dass Produkte wie Fleisch, Milch und Eier ohne den Einsatz von gentechnisch verändertem Futter produziert werden.

NABU-Präsident Olaf Tschimpke forderte die Regierung auf, die im Koalitionsvertrag versprochenen Bundesprogramme für Biologische Vielfalt und Wiedervernetzung der Landschaft hochwertig, finanzstark und schnell umzusetzen. „Diese Programme müssen sich im Haushalt des Bundesumweltministeriums wiederfinden. Im Internationalen Jahr der Biodiversität brauchen wir eine spürbare Trendwende für Natur und Arten“, sagte Tschimpke. „Hier ist die Bundesregierung gefordert. Speziell die Kanzlerin und das Finanzministerium müssen den schönen Worten nun Taten und Gelder folgen lassen“, so Tschimpke weiter. Zudem müsse das Agrarministerium Mittel für Naturschutz- und Klimaschutzmaßnahmen umwidmen. Zuletzt habe die Grüne Woche wieder gezeigt, dass Deutschland auch von einer Klimaschutzwende in der Landwirtschaft noch weit entfernt sei. „Außer Lippenbekenntnissen soll es keine verbindlichen Ziele und Maßnahmen geben. Dabei trägt die Zerstörung von Mooren und Grünland sowohl zum Verlust der biologischen Vielfalt als auch zu rund 40 Prozent der Treibhausgas-Emissionen durch die Landwirtschaft bei“, kritisierte Tschimpke.

Für Greenpeace gibt die Bundesregierung beim Thema Atomkraft nach 100 Tagen ein konfuses Bild ab. "Umweltminister Röttgen bezeichnet den Atomausstieg als unumkehrbar, während Wirtschaftsminister Brüderle die Reaktoren am liebsten noch 20 Jahre länger am Netz lassen würde. Und Kanzlerin Merkel geht bei diesem Thema lieber auf Tauchstation“, stellte Greenpeace-Geschäftsführerin Brigitte Behrens fest. Sie warnte die Bundesregierung vor einer Verlängerung der Reaktor-Laufzeiten. „Die Mehrheit der Bundesbürger ist gegen längere Laufzeiten. Sie bedeuten noch mehr Atommüll, von dem niemand weiß, wohin damit. Sie erhöhen die Gefahr terroristischer Anschläge mit unabsehbaren Folgen, und sie behindern massiv den Ausbau der Erneuerbaren Energien.“ Mit seinem blinden Pro-Atom-Kurs unterbinde Wirtschaftsminister Brüderle auf Jahre den Wettbewerb im Strommarkt und blockiere mittelständische Energieunternehmen. „Die Wahlversprechen der FDP, man werde sich gegen die Monopole der Stromkonzerne stellen und den Mittelstand fördern, waren nur heiße Luft“, so Behrens. Inakzeptabel sei auch, dass die Regierung erstmals seit zehn Jahren wieder den Neubau von Atomkraftwerken im Ausland mit Hermes-Krediten finanziell absichern wolle. „Wer behauptet, Atomkraft sei nur eine Brückentechnologie, zugleich aber den Neubau von Reaktoren in Brasilien absichert, täuscht die Öffentlichkeit“, so Behrens. Positiv bewertet Greenpeace, dass die Regierung den im maroden Schacht Asse gelagerten Atommüll vollständig wieder zurückholen will. „Frau Merkel sollte aus dem Asse-Skandal Lehren ziehen und eine offene Endlagersuche starten, statt sich weiter an das ungeeignete Salzlager in Gorleben zu klammern“, so Behrens.

In Sachen Klimaschutz komme die Bundesregierung nicht aus den Startlöchern, kritisierte der WWF Deutschland. Zwar habe sich die Regierung mit der Festlegung, den Treibhausgas-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 unkonditioniert senken zu wollen, gut positioniert. Es bleibe jedoch völlig unklar, wie dieses Ziel erreicht werden solle. „Die Regierung muss jetzt die Weichen stellen, damit wir zur Mitte des Jahrhunderts den Treibhausgasausstoß auf fast Null fahren können“, betonte WWF-Vorstand Eberhard Brandes. Das werde den Aufbau ganz neuer Infrastrukturen voraussetzen, und damit viele zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen. In der WWF-Studie „Modell Deutschland“ werde vorgerechnet, wie dieses Ziel erreicht werden könne. Beim Klimagipfel, so der WWF, habe sich gezeigt, dass die von der Bundesregierung unterstützte EU-Strategie, die Reduktionsziele von Zusagen anderer Staaten abhängig zu machen, nicht getragen habe. Sie müsse schnellstmöglich geändert werden und den wissenschaftlichen Anforderungen entsprechend eine Reduktion von mindestens 30 Prozent bis 2020 gegenüber 1990 beschlossen werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse dafür sorgen, dass die EU bei den weiteren Klimaverhandlungen nicht noch einmal so blutleer auftrete wie in Kopenhagen. Der WWF begrüßte die Ankündigung der Bundeskanzlerin, ein Energiekonzept für Deutschland erarbeiten zu lassen. Allerdings dürfe dies nicht im stillen Kämmerlein mit den Managern der großen Energieunternehmen ausgekungelt werden. Um eine breite Akzeptanz zu finden, brauche es eine offene Diskussion und die Beteiligung der Umweltverbände. Vor allem müssten neben der Stromversorgung alle für den Klimaschutz wichtigen Sektoren wie der Verkehr, die Wärmeversorgung und die Landwirtschaft berücksichtigt werden.

Autor: WWF Deutschland

Die letzten 10 Meldungen zum Thema "Umweltpolitik":
Der Abstieg des Mehrweg-Weltmeisters: Umweltministerium kapituliert vor der Einweg-Flut - Geschäft mit PET-Flaschen für Discounter eine GoldgrubeDer Abstieg des Mehrweg-Weltmeisters: Umweltministerium kapituliert vor der Einweg-Flut - Geschäft mit PET-Flaschen für Discounter eine Goldgrube
Berlin, 18.06.2010: Während in Südafrika die besten Nationen um die Krone des Fußballs kämpfen und das deutsche Team sich in Top-Form präsentiert, verliert Deutschland den umweltpolitischen Titel des Mehrweg-Weltmeisters:
Umwelt sitzt am KatzentischUmwelt sitzt am Katzentisch
Berlin, 04.02.2010: Nach Ansicht der fünf großen deutschen Umweltorganisationen BUND, DNR, Greenpeace, NABU und WWF hat die neue Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel in ihren ersten 100 Tagen die Umweltpolitik spürbar vernachlässigt. Während sich das Umweltministerium bemühe, seinen Aufgaben gerecht zu werden, spiele das Thema Umwelt bei der schwarz-gelben Bundesregierung insgesamt kaum eine Rolle.
CSU baut Hürden für Laufzeitverlängerung aufCSU baut Hürden für Laufzeitverlängerung auf
München, 18.11.2009: Der CSU-Bundestagsabgeordnete Josef Göppel sieht noch zahlreiche Hürden auf dem Weg zu einer Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken. In der Generaldebatte des Bundestages zur Umweltpolitik der schwarz-gelben Regierung forderte er Gegenleistungen, wenn die Begrenzung der Laufzeiten fällt:
WWF vermisst im Koalitionsvertrag umweltpolitische AufbruchssignaleWWF vermisst im Koalitionsvertrag umweltpolitische Aufbruchssignale
Berlin, 26.10.2009: Der WWF setzt große Hoffnungen auf den designierten Umweltminister Norbert Röttgen und Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Die umweltpolitischen Positionen im Koalitionsvertrag sind für den WWF so wenig konkret, dass es nun bei den anstehenden elementaren Entscheidungen im Klima- und Umweltschutz vor allem auf die Weitsicht und Durchsetzungsfähigkeit des neuen Bundesumweltministers und der Kanzlerin ankomme.
Politik für Menschen statt Vorfahrt für KonzernePolitik für Menschen statt Vorfahrt für Konzerne
Hamburg, 05.10.2009: Greenpeace veröffentlicht Forderungen an Koalitionsverhandlungen. Zum Auftakt der Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und FDP fordert Greenpeace beide Parteien auf, die Erfolge der deutschen Umweltpolitik nicht zu gefährden und ihr einen höheren Stellenwert als bisher einzuräumen. Insbesondere soll am Atomausstieg festgehalten werden. In ihrem heute veröffentlichten Forderungspapier verlangt die Umweltorganisation außerdem ein „"Notpaket Klimaschutz"“, um die deutschen Treibhausgase stärker als bisher geplant zu reduzieren.
Deutschland kann mehrDeutschland kann mehr
Frankfurt, 29.09.2009: Umwelt- und Klimaschutz spielten im Wahlkampf von CDU und FDP kaum eine Rolle. Der WWF warnt davor, diese "sträfliche Vernachlässigung der Zukunftsthemen" fortzusetzen. Die Umweltschutzorganisation fordert von der neuen Regierung, der Umweltpolitik spätestens bei den Koalitionsverhandlungen einen angemessenen Stellenwert einzuräumen. Die einstmalige "Klimakanzlerin" Angela Merkel habe in der schwarz-gelben Koalition einen Ruf zu verteidigen.
Deutsche Solarbranche: Hoffnung auf eine Zeitenwende in der amerikanischen Umwelt- und KlimapolitikDeutsche Solarbranche: Hoffnung auf eine Zeitenwende in der amerikanischen Umwelt- und Klimapolitik
Berlin, 07.11.2008: Als eine bedeutende Weichenstellung in das Solarzeitalter wertet die deutsche Solarbranche das Ergebnis der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl. Mit dem neuen Präsidenten Barack Obama verbindet sie die große Hoffnung auf die Schaffung einer transatlantische Brücke in der Klimapolitik und der Förderung Alternativer Energien.
Klimawende in den USA mit Barack Obama?Klimawende in den USA mit Barack Obama?
Berlin, 06.11.2008: Der WWF Deutschland gratuliert Barack Obama zur Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. "Wir haben hohe Erwartungen an den neuen Präsidenten der USA", so WWF-Geschäftsführer Eberhard Brandes. "Seine Wahl fällt in eine historisch bedeutsame Phase: Die gesamte Welt muss den Klimawandel und den Raubbau an der Natur gemeinsam bekämpfen.
Umweltschutz im Zeichen des Klimawandels - Umweltgutachten 2008Umweltschutz im Zeichen des Klimawandels - Umweltgutachten 2008
Berlin, 19.06.2008: Das gestern an Bundesumweltminister Gabriel überreichte Umweltgutachten 2008 ist die alle vier Jahre erscheinende Gesamtbilanz der deutschen und europäischen Umweltpolitik. Mit dem Titel "Umweltschutz im Zeichen des Klimawandels" unterstreicht der Sachverständigenrat für Umweltfragen die zentrale Bedeutung des Klimaschutzes, weist aber auch darauf hin, ...
Das Experiment Kohle-AusstiegDas Experiment Kohle-Ausstieg
Frankfurt, 18.04.2008: Der WWF sieht in dem gestern in Hamburg vorgestellten Koalitionsvertrag zwar positive Ansätze für den Klimaschutz, übt aber auch deutliche Kritik an CDU und GAL. „Leider fehlt ein klares Bekenntnis zum Kohle-Ausstieg. Und die ökologisch und wirtschaftlich unsinnige Elbvertiefung soll kommen. Damit können wir nicht zufrieden sein.

Stand: 5. Februar 2010
Erstellt: 5. Februar 2010