Umweltjournal.de | Ernaehrung und Landwirtschaft  | Artikel Nr.: 569

BSE - das Symptom einer verfehlten Agrar- und Ernährungspolitik





(11.05.2001) Die Geschichte um BSE ist die Aneinanderreihung von Skandalen ohne Gleichen. Aber auch BSE und die näheren Umstände seiner Verbreitung offenbaren nur auf einen kleinen Teil dessen, was heute an Geschäften, Betrügereien und Machenschaften in der Lebensmittel- und Agrarindustrie vor sich geht.

Eine Ahnung mag der Anfang des Jahres 2001 aufgedeckte Schweinemast-Skandal in Bayern, Baden-Württemberg und Österreich geben, bei dem neben Landwirten auch Tierärzte und Pharmahersteller verstrickt sein sollen. Man kann dabei nicht mehr von einzelnen Gesetzesbrechern und Betrügern reden, vielmehr haben die Skandale Methode, an der mutmaßlich auch weite Wirtschaftskreise beteiligt sind.

Die Geschichte des Rinderwahns zeigt exemplarisch, wie eng wirtschaftliche und politische Interessen miteinander verbunden und abhängig voneinander sind, und wie sehr wichtige politische Ziele, wie der vorbeugende Gesundheits- und Verbraucherschutz abgewehrt werden. Wer heute glaubt, dass alleine die erfolgreiche Bekämpfung des Rinderwahnsinns alle Probleme löst, irrt gewaltig.

Zwanzig Jahre verfehlte BSE-Politik
Die Unentschlossenheit mit der die Europäische Union und die nationalen Regierungen auf die ersten BSE-Fälle reagierten und die Ignoranz mit der eine Übertragung der Rinderseuche auf Menschen jahrelang für ausgeschlossen erklärt wurde, ist unverantwortlich. Dass aber bis November 2000 in Deutschland nicht ernsthaft nach BSE-Fällen gesucht wurde, wird heute meist verschwiegen. Dabei waren die Zahlen aus Großbritannien doch alarmierend genug: Bis Ende 1987 wurden im Vereinigten Königreich bereits 442 BSE-Fälle gezählt. Fünf Jahre später waren es bereits mehr als 36.000 Fälle. Seit 1993 ist die BSE-Ausbreitung in Großbritannien rückläufig, und zwar zunächst auf etwa 3.500 BSE-Fälle im Jahr 1998, etwa 2.600 im Jahr 1999 und etwa 1.200 im Jahr 2000. Insgesamt sind bis Ende 2000 in Großbritannien damit mehr als 180.000 BSE-Fälle in über 34.000 Betrieben aufgetreten.

In den vergangenen 15 Jahren seit Ausbruch der Krise wurden wissenschaftliche Ergebnisse verschleiert, warnende Fachleute, die sich für ein härteres Durchgreifen stark machten, wurden versetzt oder entlassen. Lobbyisten und Politiker ließen die Verbraucher über die möglichen Risiken im Unklaren. Dies ist das Ergebnis des freien Warenverkehrs im Lebensmittelbereich. So stehen in der europäischen Agrarwirtschaft die Mitgliedstaaten mit ihren Agrarerzeugnisse untereinander in einem starken Konkurrenzverhältnis. Keiner will Märkte verlieren, sondern lieber Marktanteile hinzu gewinnen. Die Uneinigkeit der Mitgliedstaaten über die Ziele der Agrarpolitik, ein jahrzehntelanger Streit um den Abbau der Überproduktion und der Subventionen behindern und verzögern wichtige Entscheidungsprozesse.

Zum Nachteil für den Verbraucher, denn die europäischen Regeln stellen aus Verbrauchersicht fast immer den kleinsten gemeinsamen Nenner dar. Aus Sicht der Lobbyisten – ob nun aus der Landwirtschaft oder der Ernährungsindustrie – reicht es für die Wahrung alter Pfründe allemal.
Fast zehn Jahre vergingen zwischen den ersten Alarmzeichen und dem Exportverbot für britische Rinder in alle EU-Mitgliedstaaten und Drittländern. Frühere Warnungen, dass BSE auch auf den Menschen übertragbar sein könnte, wurden von den Mitgliedstaaten und der Europäischen Kommission nicht ernst genommen. Der Druck auf die EU-Kommission nahm erst zu, als der britische Gesundheitsminister 1996 vor dem Unterhaus erklärte, eine Übertragung auf den Menschen sei nicht mehr auszuschließen. Die Blockade-Taktik vieler EU-Staaten wurde aber erst durchbrochen, als v.a. Nordrhein-Westfalen im Alleingang die Einfuhr von britischem Rindfleisch verbot.

Dass mit einer baldigen erfolgreichen BSE-Bekämpfung alle Probleme des Agrar- und Ernährungssektors in Deutschland und Europa behoben sind – an dieses Märchen glauben inzwischen selbst die Funktionäre der Agrarlobby nicht mehr. Mit Massenschlachtungen von Rindern, einem neuen Prämiensystem in der Tierhaltung und der Forcierung des Ökologischen Landbau auf die anspruchsvolle Quote von zwanzig Prozent, hat die Politik Zeichen gesetzt, jedoch die ursächlichen Probleme wenig berührt.

Von der Agrarwirtschaft zu einem ökologischen Ernährungssystem
Der BSE-Skandal als vorläufiger und trauriger Höhepunkt einer Reihe von Lebensmittelskandalen macht ein grundlegendes Umdenken in der Landwirtschafts- und Verbraucherpolitik nötig. Die BSE-Krise macht deutlich: die industrialisierte Massenproduktion von Nahrungsmitteln ist eine verhängnisvolle Sackgasse, die zu einer minderen Lebensmittelqualität und gesundheitlichen Risiken führt.

Hilfen und Subventionen für die Landwirtschaft müssen daher künftig an die Einhaltung von ökologischen und sozialen Kriterien gebunden werden. Auf der anderen Seite ist BSE die große Chance die Landwirtschaft neu zu strukturieren: Weg von garantierten Abnahmepreisen für Fleisch und Milch, einem System, in dem es kaum Kontrollen für den Einsatz von Antibiotika als Wachstumsförderer und vieler anderer pharmakologischer Substanzen gibt und Kraftfutter unbekannter Zusammensetzung und Herkunft verfüttert wird.

Die BSE-Krise und die zahlreichen Lebensmittelskandale verdeutlichen, dass es sich nicht um einzelne – beherrschbare und vorübergehende – Fehler im System handelt. Vielmehr liegen die Probleme in den grundsätzlichen rechtlichen, technischen und ökonomischen Strukturen unserer Gesellschaft. Davon sind die Landwirtschaft, die Zulieferer, die Lebensmittelwirtschaft und Handel ebenso betroffen, wie die Politik und die Verbraucher.
Einerseits herrscht eine unkontrollierte, auf wirtschaftliche Rahmenzwänge industriell zugeschnittene Landwirtschaft vor, welche rein unter den Maximen Wettbewerb, Preisdruck und Mengen arbeitet und somit kaum Raum für ökologische und gesundheitliche Kriterien hat. Andererseits stehen die kleineren und mittleren Betriebe im ökonomischen Überlebenskampf.

Bemerkenswert ist die Aussage des französischen Präsidenten Chirac als Antwort auf die von der deutschen Landwirtschaftsministerin Künast geforderten Reformierung der EU-Agrarpolitik. Sinngemäß gab er zu Protokoll, so etwas brauche Zeit und vor 2008 sehe er keine Möglichkeit, etwas zu verändern.

Was nutzen Gesetze, wenn sie nicht wirksam kontrolliert werden?
Deutlich ist auch geworden, dass die einstmals in Europa vorbildliche Veterinär- und Lebensmittelüberwachung Deutschlands von den Kommunen und Ländern kaputt gespart, in den Kompetenzen beschnitten und auf europäischer Ebene auf ein nicht akzeptables Niveau herunter harmonisiert wurde. Eine Lebensmittelüberwachung, die heute mit den Manipulationen der Landwirtschaft, Hersteller und Händler nicht mehr mithalten kann.

Eine Kontrolle, die in erster Linie die korrekte Kennzeichnung in den Supermärkten überwacht, dabei aber die landwirtschaftlichen Betriebe und die Lebensmittelhersteller nicht in den Mittelpunkt der Überwachung stellt, kann ihre Funktion im Sinne eines vorbeugenden Verbraucherschutzes schon lange nicht mehr ausreichend wahrnehmen. Und wenn Behörden ihnen bekannte Defizite und Rechtsverstöße nicht ahnden und diese Informationen nicht an höhere Stellen weiter leiten, dann reicht es eben nicht aus, dass ein Verantwortlicher „seinen Kopf hinhält“. Industriell hergestellte Lebensmittel werden immer häufiger von bestens ausgebildeten Fachleuten „manipuliert“.

Die Überwachungsbehörden sind mit ihren geringen analytischen Möglichkeiten kaum mehr in der Lage Manipulationen nachzuweisen. Zentrale Untersuchungsämter, personell gut ausgestattet und mit modernstem Gerät ausgerüstet, könnten hier Abhilfe schaffen. Die Lebensmittelüberwachung ist nur dann effektiv, wenn sie nicht mehr wie bisher den Skandalen hinterherläuft. Heute sind die Überwachungsämter meist damit ausgelastet, Planproben nach festen, bürokratischen Vorgaben zu nehmen und zu analysieren.

Bei akuten Verdachtsfällen verfügen die Ämter jedoch nicht über ausreichende Personalkapazitäten, um schnell zu reagieren. Das Verkaufen von minderwertigen oder gar gesundheitsgefährdenden Lebensmitteln kann hohe Gewinne versprechen, davon lässt sich so manches Unternehmen nicht durch Bußen von einigen 100 oder 1.000 DM abhalten. Aber häufig kommt es nicht einmal zu diesen lächerlich geringen Strafen, weil die Täter nicht verfolgt werden können.

Wenn Verfahren wegen groben Gesetzesverstößen und Panschereien eingestellt oder die Geldstrafen von den Unternehmen aus der Portokasse gezahlt werden können, muss die Lebensmittelüberwachung als „zahnlos“ bezeichnet werden. Da waren wir im mittelalterlichen Europa schon weiter, als das Panschen von Wein und Brot meist mit den schärfsten Strafen geahndet wurde.

Nur eine bürgernahe, wirksame Lebensmittel- und Umweltpolizei kann die Kette von der Erzeugung bis zum Handel effektiv überwachen. Eine solche Behörde bedarf bundesweiter Zuständigkeit und polizeilicher Befugnisse, damit endlich die Zersplitterung der Kompetenzen aufgehoben wird. Es geht nicht an, dass Untersuchungsämter zwar Verstöße feststellen dürfen, dann aber nicht die Verfahren gegen die Täter einleiten können.

Und das deutsche und europäische Lebensmittelrecht ist so kompliziert geworden, dass selbst Experten es kaum noch überschauen. Trotzdem exisitieren für viele gesundheitsschädliche Rückstände in Lebensmitteln immer noch keine verbindlich vorgeschriebenen Höchstmengen, so dass mit Medikamenten belastetes Fleisch in vielen Fällen von der Lebensmittelüberwachung nicht einmal beanstandet werden kann. Auch müssen Richter speziell für das Lebensmittelrecht ausgebildet und Schwerpunkt- Staatsanwaltschaften eingerichtet werden.

Ein gemeinsamer Markt benötigt eine gemeinsame Überwachungsbehörde, die befugt ist, in jedem Land zu überwachen und unmittelbar einzugreifen. Sie muss das Recht haben, Waren aus dem Verkehr zu ziehen. Sie koordiniert Untersuchungen, sammelt und veröffentlicht die Ergebnisse. Die Hersteller müssen verpflichtet werden, die Rezepturen ihrer Produkte offenzulegen. Nur so ist eine effektive Kontrolle möglich.

Heute gilt jedoch leider immer wieder der Grundsatz der „Vogel-Strauß-Politik“:
„Was man nicht sucht, das kann man nicht finden!“

Die politischen Konsequenzen: Das Tiermehlverbot
Bis zum ersten deutschen BSE-Fall bestand unter Fachleuten weitgehendes Einvernehmen, dass sachgerecht (d.h. durch Erhitzen bei 133°C bei 3 bar Druck für 20 Minuten) hergestelltes Tiermehl aus dem Gewebe geeigneter Tiere für die Verfütterung an Nicht-Wiederkäuer (Schweine, Hühner etc.) geeignet ist. Dies soll nun nicht mehr gelten, obwohl es keine Fakten gibt, die gegen die Wirksamkeit der sogenannten Autoklavierung beim BSE-Erreger sprechen. Trotzdem ist das Verbot des Einsatzes von Tiermehlen als Tierfutter durch die Bundesregierung richtig. Viele Erfahrungen zeigen, dass die Sorgfalt und Qualitätssicherung bei der Herstellung von Futtermitteln zu häufig nicht eingehalten wurde:
  • Tiermehle mit unterschiedlichem Verwendungszweck können verwechselt werden.
  • Unzureichend erhitztes Tiermehl aus Großbritannien, evtl. auch aus anderen Ländern, wurde in Deutschland in den Verkehr gebracht, der Verbleib ist unbekannt.
  • Auch in Deutschland wie etwa in Bayern wurde unter Duldung der Behörden unzureichend erhitztes Tiermehl hergestellt, welches geeignet war BSE-Erreger an Rinder weiterzugeben.
Auch die Entsorgung der Altbestände von Tiermehlen, Tierfetten und Futtermitteln, die Risiko-Bestandteile enthalten, wurde beschlossen. Durch das Verfütterungsverbot liegen umfangreiche Altbestände in Tierkörperbeseitigungsanstalten, Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft sowie auf landwirtschaftlichen Betrieben. Nach Angaben der Bundesländer handelt es sich dabei um insgesamt 181.000 Tonnen Tiermehle. Diese Bestände müssen dringend entsorgt werden, um eine Vermischung auszuschließen. Der Bund will ein Drittel der geschätzten Gesamtkosten von ca. 190 Millionen Mark der Entsorgung tragen.

Notschlachtprogramm gegen den Rinderüberschuss
Deutschland beteiligt sich seit Januar 2001 auch an der „EU-Aufkaufaktion“ für ältere Rinder über 30 Monate. Die Herauskaufaktion ist ein Angebot und kein Landwirt wird zur Beteiligung gezwungen. Die Tiere werden im Schlachthof normal geschlachtet. Nach Schätzungen werden in Deutschland bis Ende Juni 2001 rund 400.000 Tiere geschlachtet werden. Das Fleisch soll anschließend vernichtet werden, da der Fleischexport auch keine Lösung für das existierende Überangebot an Rindfleisch darstellt, denn 37 Länder haben ihre Grenzen für Rindfleisch-Einfuhren aus der EU geschlossen. Für die meisten Entwicklungsländer sind auch Nahrungsmittelhilfen nicht vertretbar, weil das eingeführte Rindfleisch die heimischen Märkte zerstört. Lediglich eine Rindfleisch-Lieferung an Nordkorea, dessen Bevölkerung hungert, lässt sich möglicherweise realisieren.

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Wer soll das bezahlen?
Einstimmig haben die EU-Finanzminister den Nachtragshaushalt über 971 Mio. Euro (etwa 1,93 Mrd. DM) bewilligt, mit dem die im Dezember 2000 beschlossenen Maßnahmen zur Beseitigung des Rindfleischüberangebots in der Gemeinschaft finanziert werden sollen. 726 Mio. Euro (rund 1,4 Mrd. DM) stammen aus Überschüssen des vergangenen Haushaltsjahres und 245 Mio. Euro (487 Mio. DM) sind eine Folge des niedrigen Euro-Kurses im Zeitraum Oktober bis Dezember letzten Jahres. Die Minister waren sich darin einig, dass die Krise um die Rinderseuche BSE unter keinen Umständen zu einer Überschreitung der auf dem Berliner EU-Gipfel 2000 festgelegten Obergrenze führen dürfe. Spanien, Griechenland und Portugal kritisierten, dass auch ungenutzte Strukturfondsmittel zur Bewältigung der BSE-Krise verwendet würden. Es handelt sich jedoch um Gelder aus dem Jahr 1999, die ohnehin nicht weiter übertragen werden könnten. Der Nachtragshaushalt könnte bereits im März verabschiedet werden, wenn das Europaparlament in seiner ersten Lesung dem Standpunkt der EU-Finanzminister folgt.

Die aktuell diskutierten EU-Maßnahmen sind daher zu begrüßen und auch im Sinne des Steuerzahlers, der letztendlich die Schlachtaktion zahlen:
  • Reduzierung der Schlachtgewichte von Rindern
  • Drosselung der Fleischmengen und Anpassung an die Marktnachfrage und Vermarktungsförderung von Weidemastrindern und
  • Umstellung der Förderung auf Grünlandprämie.
Nach den Vorschlägen von EU-Agrar-Kommissar Fischler ist eine weitere Tötungsaktion von bis zu 1,2 Mio. Rinder zur Marktbereinigung vorgesehen. Auf Dauer lassen sich solche Maßnahmen nicht weiter fortsetzen, weil sie letztendlich den Fortgang der alten, zynischen Subventionspolitik bedeuten. Auch die vorgesehene grundsätzliche Begrenzung der Förderung auf 90 Rinder je Hof ist nicht sinnvoll, weil nicht die Größe des Betriebes, sondern die artgerechte Tierhaltung und die Flächenbindung die politisch relevanten Kriterien sind.

Wichtiger als die kurzfristigen Maßnahmen, wie BSE-Tests und Schlachtprogramme, sind daher die Entscheidungen für den Verbraucherschutz, wie etwa die Einführung eines Herkunftsnachweises und der Rückverfolgbarkeit der Tiere (Tierpass, Ohrmarken usw.). Dies kann z.B. durch den „genetischen Fingerabdruck“ oder die „immunologische Ohrmarke“ zusätzlich verbessert werden.

Eine Agrarwende in Deutschland?
Als Reaktion auf die BSE-Krise planen das Bundeslandwirtschafts- und das Umweltministerium eine grundlegende Umstrukturierung der deutschen Landwirtschaftspolitik. In einem gemeinsamen Konzept sollen Agrarsubventionen künftig stärker an kontrollierbare Umweltanforderungen geknüpft werden. Der Öko-Landbau soll durch Fördermittel und Werbekampagnen gezielt unterstützt werden und bis 2010 auf einen Marktanteil von 20 Prozent anwachsen. Ziel ist eine umwelt- und naturverträgliche Produktionsweise sowie artgerechte und flächengebundene Tierhaltung. Landwirte, die Subventionen erhalten, sollen sich künftig einem „Umweltcontrolling'“ unterziehen müssen.

Das „Sieben-Punkte-Programm“ sieht weiter vor, Fördermittel abzuschaffen, die für Maßnahmen gezahlt werden, die Umweltbelastungen bewirken oder verschärfen. Für die genannten Maßnahmen sollen die Mittel aus dem Gemeinschaftsprogramm von Bund und Ländern für Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) zu Gunsten des ökologischen Landbaus umgewidmet werden. Bis 2005 sollen so 500 Millionen Mark in die Förderung des Anbaus und der Vermarktung von ökologischen Erzeugnissen fließen.

Wichtigstes Ziel für Deutschland bleibt aber die grundlegende Änderung des bisherigen Prämiensystems. Denn die Förderung über das bisherige Prämiensystem hat zu der nicht endenden Spirale von Rationalisierung und Intensivierung in der Landwirtschaft und hier v.a. in der Tierhaltung geführt. Diese Art der „Belohnung“ für die betriebliche Ausweitung der Tierhaltung führte zur industriellen Massentierhaltung mit den daraus resultierenden Problemen für Umwelt, Tierschutz und Gesundheit: Überlastung der Böden und Gewässer mit Schad- und Nährstoffen durch Gülleüberdüngung sowie unkontrollierter Einsatz von Hormonen und Antibiotika in der Tiermast.

Zusätzlich wurde durch die starke Zunahme überregionaler und europaweiter Tiertransporte und den hohen Tierbesatz in einigen Regionen eine erhöhte Seuchengefahr herauf beschworen, die sich immer wieder in großflächigen Schweinepestepidemien oder der jetzt wieder in der EU auftretenden Maul- und Klauenseuche äußert.

Beispiel: Industrialisierte Legehennenhaltung in Deutschland
Nur gut ein halbes Dutzend der 10.000 Legehennebetriebe beherrschen den deutschen Eiermarkt: 20 Betriebe halten mehr als 200.000 Hennen, 150 Betriebe mehr als 50.000 Hennen während der Großteil der Unternehmen (über 9.000 Betriebe) weniger als 5.000 Hennen hält. 85 Prozent aller Hennen werden in nicht art- und tierschutzgerechten Käfigen gehalten.

Mit der Einführung eines grünflächenbezogenen Prämiensystems ist es für die Landwirte nicht mehr lukrativ immer mehr Tiere zu halten. Vielmehr würde die Rückkehr zur Versorgung des Betriebes mit eigenen Mitteln (Futtermittel aus eigenem Anbau in der Kreislaufwirtschaft) wieder Einzug halten. Das Ende der heutigen Massentierhaltung könnte gleichzeitig auch durch strengere Tierhaltungsvorschriften beschleunigt werden. Auf der Basis der heute von der EU an Deutschland gezahlten Prämien steht es der Bundesregierung frei, sofort das Prämiensystem entsprechend zu verändern.

Die Reduzierung der Bestandsdichten, der Anbau von Futterpflanzen, wie Kleegras auf Stilllegungsflächen und die Streichung der Silomaisprämie sind Beispiele sinnvolle Maßnahmen. Sie stellen eine Unterstützung der konventionellen Landwirtschaft in die richtige Richtung dar, hin zu einer qualitätsbewussten, naturschützenden und verbrauchergerechten Erzeugung. Eine weitere wichtige Unterstützung dieser Maßnahmen könnte ein Sofortprogramm zur Förderung der Regionalen Fleischerzeugung, Verarbeitung und Vermarktung erreicht werden. Mit der Umsetzung eines solchen Programms werden endlich die tierquälerischen Langzeit-Tiertransporte überflüssig. Und die Verbraucher können wieder nachvollziehen, wo die Tiere aufwachsen, das Fleisch verarbeitet wird und wie es frisch und ohne Umwege ihre Küchen gelangt.

Qualität hat ihren Preis!
Aber nicht nur für die Politik und die Landwirtschaft muss die BSE-Krise Anlass zum Umdenken sein, sondern auch für uns Verbraucher muss klar sein, dass es bei Lebensmitteln, wie in anderen wirtschaftlichen Bereichen einen Zusammenhang zwischen Qualität und Preis gibt. Wir müssen uns daher in absehbarer Zeit auf marktwirtschaftliche angepasste Preise für Fleisch und Milch einstellen – teurer, aber wenn die genannten Maßnahmen greifen auch besser. Denn ohne eine Abkehr von der Massenproduktion mit Billigprodukten wird BSE nicht das letzte Desaster bleiben. Die Formel für die Zukunft muss daher „Klasse statt Masse“ heißen.

Eine Umsetzung in die Praxis gelingt, wenn nicht nur die Menge der erzeugten Tiere, der Milch oder des Fleisches über den wirtschaftlichen Erfolg des landwirtschaftlichen Betriebes entscheiden. Es ist daher notwendig eine Mindestqualität für alle Lebensmittel zu definieren. Nur Lebensmittel Mindeststandards erfüllen dürfen abgenommen und über den Handel zu den Verbraucher gelangen. Ein Landwirt, der die Mindestkriterien einhält, muss in die Lage versetzt werden, ein angemessenes Einkommen zu erwirtschaften, so dass er auf Manipulationen und nicht geeignete Vorprodukte und Betriebsmittel verzichten kann.

Eine nachweislich deutlich höhere Produktqualität wird mit einem höheren und damit zusätzlichen Erlös für den Betrieb belohnt. Dieses System ist insofern geeignet, weil es auch konventionelle Landwirte zur Einhaltung der Mindestqualität zwingt. Auch wenn das anspruchsvolle Ziel von 20 Prozent Ökolandbau in Deutschland erreicht wird, werden schließlich immer noch 80 % der Lebensmittel weiterhin mit konventionellen Methoden erzeugt. Der finanzielle Anreiz eine höhere Qualität zu produzieren, wird im Endeffekt dazu führen, dass viele Landwirte vom konventionellen auf den ökologischen Anbau umstellen werden, weil es sich für ihren Betrieb direkt auszahlt.

Um mit diesem System vor den Europäischen Binnenmarkt und den internationalen Handelsregeln der Welthandelsorganisation (WTO), aber auch in der Konkurrenz zu den Produkten anderer Staaten zu bestehen, bedarf es einer glaubwürdigen, transparenten und überprüfbaren Qualitätsaussage, wie sie beispielsweise in den 60er und 70er Jahren für Industrieprodukte unter dem Label „Made in Germany“ verstanden wurde. Das bedeutet auch für die CMA (Centrale Marketinggesellschaft der Agrarwirtschaft) eine völlig neue Rolle, die weg von der reinen Imagewerbung, hin zu einer tatsächlichen und „einklagbaren“ Qualitätsgarantie und zu einer intensiven Hinwendung in die Regionalvermarktung führt.

Nur wenn der Verbraucher in diesem System auch „als Nachfrager“ dieser Qualität gewonnen werden kann, gelingt die Abkehr von der Massenproduktion und es wird ein qualitativer Sprung erreicht.
Der Wandel in der Lebensmittelproduktion darf sich allerdings nicht allein auf die Landwirtschaft beschränken, sondern muss über die Stufen der Verarbeitung in der Lebensmittelindustrie, des Lebensmitteleinzelhandels und der Gastronomie weiter geführt werden, so dass es zum „Schulterschluss“ in Sachen Qualität zwischen Landwirten, Verarbeitern und Händlern kommt.

In Zukunft: Bewusst einkaufen!
Mit den Appellen an die Verbraucher sich gesünder und umweltverträglicher zu ernähren, wird die Politik kaum etwas bewegen, da sie den Bürgern über Jahrzehnte hinweg nach jedem Skandal Besserung versprochen hat, aber schönen Worten kaum Taten folgen ließ. Seit mehr als drei Jahrzehnten wird über die gesundheitlichen und ökologischen Auswirkungen im Ernährungsbereich intensiv geforscht und diskutiert. Und seit langem ist bekannt, dass auf allen Stufen, von der Landwirtschaft bis zum Konsum, erhebliche ökologische Defizite bestehen, die sich letztendlich negativ auf die menschliche Gesundheit auswirken.

So werden in der Ernährungskette von der Landwirtschaft bis zum Endverbraucher rund 20 % der gesamten Energie und 20 % der Materialien verbraucht, es werden rund 20 % Klimabelastungen verursacht und 56 % der Fläche Deutschlands beansprucht. Damit gehört die Ernährung, neben der Mobilität und dem Bauen & Wohnen, zu den Lebensbereichen mit dem größten Umweltauswirkungen. Gleichzeitig kann der Verbraucher durch sein Kaufverhalten einen direkten und nennenswerten Einfluss auf die ökologischen Faktoren haben.

In diesem Zusammenhang wird von der sogenannten „Marktmacht der Verbraucher“ gesprochen. Theoretisch mag es diese Marktmacht geben, doch in der Einkaufspraxis wird wohl kaum ein Verbraucher seinen Metzger auffordern ihm das Steak zum halben Preis zu verkaufen.

Wenn die Lebensmittelindustrie ihre eigenen Kunden bei der Frage nach gesünderen und ökologischen Lebensmitteln immer wieder an den Pranger stellt und ausführt, das man schließlich nur das produziere, was der Verbraucher wünsche und kaufe, dann mag man an vielfältigen Manipulationen der Werbung denken, die kräftig zum Wandel der Agrar- und Ernährungskultur beigetragen haben. Die Konsummuster der Verbraucher haben sich in den letzten Jahrzehnten im Großen und Ganzen weder gesundheitlich noch ökologisch ausgerichtet. Dies mag auch ein Grund dafür sein, dass die Produkte des ökologischen Landbaus in Deutschland im Vergleich zu vielen unserer Nachbarstaaten nur einen geringen Marktanteil besitzen.

Dennoch hat BSE gezeigt, dass Konsummuster sich kurzfristig verändern, aber auch wieder in alte Muster zurückfallen. Die aktuelle BSE-Krise hat ab November 2000 zu einem Rückgang des Rindfleischverbrauchs auf weniger als die Hälfte geführt. Bioläden und Öko-Sortimente in den Supermärkten konnten gleichzeitig über ihr gesamtes Sortiment zwischen 50 bis 200 % Umsatzsteigerungen verzeichnen. Dieser Trend wird sich, wie es sich aktuell in den Verkaufszahlen abzeichnet, weitestgehend auf normale Verhältnisse zurück entwickeln, da sich die publizistischen Wogen wieder geglättet haben..

Esskultur und Ernährungsformen
Dass sich die Fehlentwicklungen von der Landwirtschaft über die Lebensmittelindustrie, dem Einzelhandel bis zu den privaten Haushalten fortsetzt, lässt sich an den jährlichen Kosten für Fehlernährung und ihre Folgeerkrankungen von schätzungsweise 150 Milliarden DM in Deutschland ablesen. Diese unglaublichen Aufwendungen sind schon lange bekannt, es wird aber weiterhin auf „bekannte“ und wenig wirksame Lösungsstrategien (Infodienste, Publikationen, Ernährungsberatung, Verbraucheraufklärung usw.) gesetzt.

Eine nachhaltige Wirkung zeigt die Ernährungsaufklärung meist nur dort, wo dem Einzelnen ein direkter Verlust an Lebensqualität droht. Eine ökologische und gesundheitliche Ernährungsorientierung der breiten Bevölkerung ist, trotz intensiver staatlicher Aufklärung durch die Medien, staatliche Stellen und Ernährungsberatung kaum festzustellen. Damit zeigt sich, dass die Gleichung „verbessertes Wissen = bessere gesundheitsbezogene Entscheidungen in dieser Vereinfachung nicht aufgeht.

Vielmehr bedarf es eines gesellschaftlichen Wandlungsprozesses, für den heute aber keine Handlungsinstrumente zur Verfügung stehen. Hoffen wir, dass die Verantwortlichen in der Krise die Chance sehen und eine umfassende und effektive Agrarreform im Sinne des Konsumenten zu realisieren.

Autor: Dipl. oec. troph. Frank Waskow geschäftsführender Vorstand des KATALYSE Instituts für angewandte Umweltforschung in Köln, zuständig für die Fachbereiche Landwirtschaft & Ernährung. Neueste Buchveröffentlichung: BSE und die Folgen, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2001.
Autor: KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung
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Stand: 24. März 2003
Erstellt: 11. Mai 2001
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