Umweltjournal.de | Ernaehrung und Landwirtschaft  | Artikel Nr.: 8405

Neue Wege eröffnen neue Chancen





Bonn, 16.05.2005: "Die Geschichte der Ernährungskommunikation ist eine Geschichte des Scheiterns", stellte der Sozialwissenschaftler Dr. Uwe Spiekermann zu Beginn des 8. aid Forums, das am 11. Mai im Bonner Wissenschaftszentrum stattfand, provokativ fest. Auch seine These, die Botschaft von Ernährungsexperten ginge oft am Adressaten vorbei und sei eher ein "Selbstgespräch der Wissenden" bot den rund 280 Vertretern aus den Bereichen Politik, Wissenschaft, Medien und Bildung viel Reibungsfläche und einigen Diskussionsstoff.

Dem Scheitern nicht tatenlos zuzusehen, forderte Dr. Margareta Büning-Fesel, Geschäftsführender Vorstand des aid infodienst. Man müsse neue Wege der Ernährungskommunikation bestreiten, um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Verbraucher gerecht zu werden. "Verbraucherinformationen müssen alltagstauglich sein", so Büning-Fesel weiter.

Erhobener Zeigefinger ist passé
Angesichts steigender Zahlen ernährungsassoziierter Krankheiten wie Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes mellitus scheint mehr denn je die Notwendigkeit zu bestehen, die Bundesbürger über ein gesundes Essverhalten zu informieren. Jedoch, so lautete der Konsens unter den Referenten, dürfe dieses nicht mit erhobenem Zeigefinger geschehen. Ernährungswissenschaftler müssten sich darüber im Klaren sein, dass sie nicht die besseren Menschen seien, betont der Diplom-Psychologe Carl Vierboom. Ernährungserziehung muss folglich erziehen, ohne nach außen erzieherisch zu wirken.

Die Macht der Bilder
Alle aufwändigen und kostspieligen Programme, die auf ein größeres Ernährungsbewusstsein bei der Bevölkerung abzielen, sind zum Scheitern verurteilt, wenn die Botschaften erst gar nicht bei den Adressaten ankommen. Mit diesem grundsätzlichen Problem beschäftigte sich Prof. Dieter Herbst von der Universität der Künste in Berlin in seinem Vortrag. Seine ernüchternde Bilanz: "Von 100 Prozent Informationen wird nur ein Prozent wahrgenommen." Herbst plädiert für den verstärkten und vor allem auf Nachhaltigkeit angelegten Einsatz von Bildern in der Ernährungskommunikation. Setze man hier auf die richtige Bildsprache, also keine Überfrachtung des Bildes, ein positives Motiv und eine gezielte Lenkung des Auges, dann würden diese Bilder nicht nur wahrgenommen, sondern auch erinnert.

Keine Kekse für Krümelmonster
Auch Stephanie Lücke, Diplom-Sozialwirtin an der Universität Erfurt, attestiert den Fernsehbildern ein großes Potenzial im Hinblick auf zukünftige Ernährungskommunikation. Über das Fernsehen könne man beispielsweise auch Menschen aus sozial schwächeren Bevölkerungsschichten erreichen. Neue Wege der Ernährungskommunikation sieht die Referentin in der so genannten "Entertainment Education". Das in Großbritannien und den USA bereits erfolgreich angewendete Konzept ist einfach: Man bringt beliebte Film- und Seriencharaktere mit gesunder Ernährung in Zusammenhang. In der Praxis hieße das, dass das Krümelmonster aus der Sesamstraße nicht mehr am liebsten Kekse, sondern gerne Obst isst. Über die Identifikationsmechanismen mit den Fernsehfiguren, so Lücke, habe man nachweislich einen positiven Effekt bei den Zuschauern erzielen können.

Neue Wege – neue Chancen
Nicht allein die Massenmedien und das Internet wurden von den Referenten als mögliche Plattformen der Ernährungskommunikation genannt, auch unkonventionelle Methoden wurden vorgestellt oder angedacht. So fragte sich beispielsweise Dr. Peter Schwarz, Koordinator von Programmen zur Prävention von Diabetes, ob man nicht auf Lebensmittelverpackungen über Diabetes oder andere ernährungsbedingte Krankheiten informieren könne. Auch wurde in der abschließenden Talkrunde ein Blick in europäische Nachbarländer wie die Schweiz und Österreich gewagt. Die Frage, ob das britische Konzept, Lebensmittel im Sinne des Ampelsystems als geeignet oder weniger geeignet zu deklarieren, sinnvoll sei, konnte zwar nicht ausdiskutiert werden, zeigt jedoch, dass die Mittel und Wege der Ernährungskommunikation noch lange nicht erschöpft sind.

Katrin Niemann
Autor: AID Infodienst
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Stand: 16. Mai 2005
Erstellt: 16. Mai 2005

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