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Umweltjournal.de | Umwelt und Natur  | Artikel Nr.: 15003

Klimawandel macht Meere saurer und lauter

Rom, 04.12.2008: Die Weltmeere werden lauter. Ursachen dafür sind der Anstieg des Schiffsverkehrs und seismischer Aktivitäten sowie die Entwicklung neuartiger Sonarsysteme der Militärs. Intensiver Schall und Lärmteppiche stellen eine Bedrohung für die bei ihrer Kommunikation und Orientierung auf Schall angewiesenen Meeressäugetiere dar. Zu diesem Schluss gelangt eine Allianz von Artenschutzorganisationen im Rahmen der 9. Vertragsstaatenkonferenz der Bonner Konvention, die bis Ende der Woche in Rom tagt.


Die Verbände fordern Regierungen und die Industrie auf, leisere Schiffsmotoren, strengere Richtlinien für seismische Aktivitäten bei der Suche nach Öl- und Gasvorkommen, sowie weniger gefährliche Sonarsysteme für Militärs zu entwickeln.

Zusätzlich zu der bereits bestehenden Sorge um Lärmverschmutzung im Meer kommen neue Bedenken auf, dass der steigende Gehalt an Kohlendioxiden (CO2) – das Ergebnis des Verbrennens fossiler Brennstoffe – das Lärmproblem im Meer verschlimmern könnte.

Der Weltklimarat (IPCC, Intergovernmental Panel on Climate Change) gibt an, dass die Versäuerung des Ozeans durch vermehrten CO2-Eintrag negativen Einfluss auf riffbildende Korallen und auf das Plankton, die Grundlage der Nahrungspyramide im Meer, hat. Wissenschaftler des Monterey Bay Aquariums in den Vereinigten Staaten vermuten, saurer werdende Ozeane werden auch lautere Ozeane sein.

Tatsächlich verändert das gelöste CO2 verschiedene chemische und physikalische Eigenschaften des Wassers und so ist die Schallabsorption im niedrigen Frequenzbereich bereits um 10% gegenüber der Situation vor der industriellen Revolution gesunken.

Wird der Ausstoß an Treibhausgasen nicht drastisch eingeschränkt, kann dieser dazu führen, dass Lärm durch Schiffsverkehr und seismischen Aktivitäten im Jahr 2050 um bis zu 70% weiter transportiert und von den Meeressäugern vernommen wird. Dies ist ein Thema, welches diese Woche insbesondere auch im Rahmen der 14. Klimakonferenz in Posen, Polen, diskutiert wird.

Mark Simmonds, Leiter der Wissenschaftsabteilung der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisaton WDCS, sagt vor Ort in Rom: ”Von Menschen produzierter Unterwasserlärm führt zu einer Kakophonie aus unterschiedlichen Geräuschen, die so etwas wie einen akustischen Nebel im Wasser erzeugen. Darüber hinaus wissen wir, dass bestimmte Aktivitäten sogar zu Massenstrandungen führen. Besonders betroffen davon sind die tief tauchenden Schnabelwalarten. Die Auswirkung bleibt aber nicht auf diese Arten beschränkt, wie die kürzlich erfolgten, unnatürlichen Massenstrandungen in England und Madagaskar bestätigen.“

Er führt weiter aus, dass es nunmehr zweifelsfreie Belege dafür gibt, dass Schall zu Gewebeschädigungen führt, die vergleichbar mit der menschlichen Taucherkrankheit sind. Vermutlich weichen die aufgeschreckten Tiere von ihrem natürlichen Tauchprofil ab und erleiden die für sie unnatürlichen Symptome.

“Nun sind wir mit den neuesten Beweisen konfrontiert, dass das Verbrennen von fossilen Kraftstoffen und die Anreicherung mit CO2 eine neue und möglicherweise sogar noch „lautere“ Bedrohung darstellen kann, wenn nicht umgehend Maßnahmen ergriffen werden, um die Emissionen zu vermindern. Die Problematik des Unterwasserlärms muss eindeutig umfassend und gemeinschaftlich behandelt werden“, fügt Simmonds hinzu.

Robert Hepworth, Generalsekretär von CMS, sagt, dass der Klimawandel auch Gebiete des Ozeans, die einst verhältnismäßig ruhig und unzugänglich waren, mit Lärm verschmutzt.

“Der Rückzug des Eises in der Arktis führt zu einem Kampf um Bohrungen und die Ausbeutung der Öl- und Gasvorkommen. Dies wird die Belastung durch Unterwasserlärm für Arten wie den Weißwal oder den Grönlandwalen drastisch erhöhen. Und diese Zunahme beinhaltet noch nicht die Steigerung von Lärm durch eine Öffnung der Arktis für Schiffsverkehr“, fügt Hepworth hinzu.

Die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten haben bei der Vertragsstaatenkonferenz der Bonner Konvention eine Resolution eingebracht, die die Mitgliedsstaaten dazu drängt, eine Bandbreite an Maßnahmen in Bezug auf Unterwasserlärm in Angriff zu nehmen.

Die vorgeschlagenen Maßnahmen beinhalten “Lärmschutzzonen” in geschlossenen Meeren und Meeresbecken; verstärktes Monitoring der Lärmpegel und eine Datenbank, die auflistet, woher der vom Menschen verursachte Lärm stammt und welche Gebiete bereits erforscht sind, um ein doppelte “Beschallung“ zu vermeiden.

Die vorgelegte Resolution schlägt auch eine Reihe von Richtlinien für das bessere Management von Lärmquellen vor.

Heute präsentierte der Internationale Tierschutzfond IFAW (International Fund for Animal Welfare) bei der Tagung von CMS den Bericht Ocean Noise: Turn it Down.

Veronica Frank, Rechtsexpertin der Umweltschutzgruppe, sagt: ”Wir rufen zu einer Reihe von Maßnahmen auf, inklusive der Bedingung, dass die Erbauer und Besitzer aller Schiffe, vom Supertanker angefangen, mit kompetenten internationalen Körperschaften zusammen arbeiten, um Lärm reduzierende Maßnahmen bereits bei der Entwicklung und dem Bau der Schiffe berücksichtigen. Auch sollen die Verantwortlichen andere Bemühungen ergreifen, um Lärm zu reduzieren, und sie sollen mit effizienten Standards arbeiten, die von den geeigneten regulierenden Körperschaften festgesetzt werden.


Kernpunkte des Berichts

· Die Reichweite, über die Blauwale miteinander kommunizieren können, ist durch die erhöhte Lärmbelastung der Meere um 90 Prozent reduziert worden.

· Der Schiffslärm hat sich im Pazifik über die letzten 40 Jahre jede Dekade verdoppelt und es wird erwartet, dass sich die Anzahl der Schiffe weltweit bis 2025 verdoppelt, nachdem sie sich bereits in den Jahren zwischen 1965 und 2003 verdoppelt hat.

· So genannte “Airguns”, die bei seismischen Untersuchungen verwendet werden, verursachen enormen Lärm von bis zu 259 Dezibel. Diese Geräusche können alle zehn Sekunden über Wochen oder Monate hinweg wiederholt werden.

· Eine Studie besagt, dass der Lärm solcher Airguns über mehr als 3000 km zu hören ist.

· Es gibt 90 seismische Forschungsschiffe, von denen jeden Tag ein Viertel im Einsatz ist.

· Es gibt weltweit mehr als 300 marine Sonarsysteme, die Schallwellen von über 235 Dezibel erzeugen können. Außerdem werden neuartige Sonarsysteme im Niedrigfrequenzbereich entwickelt und eingesetzt.

· Weltweit gibt es Millionen von Sonargeräten auf Privatbooten.

Kollisionen mit Schiffen


Laut Marie-Christine Grillo Compulsione, Exekutivsekretärin des Abkommens zum Schutz der Wale und Delphine in Schwarz- und Mittelmeer und des angrenzenden Atlantiks (ACCOBAMS) – ein CMS Abkommen – sind Wale und Delphine im Mittelmeer besonders von Kollisionen mit Schiffen gefährdet. Jedes Jahr würden 220,000 von über 100 Tonnen das Mittelmeer durchqueren, eine schnell wachsende Zahl.

Bei einer Kollision mit solch großen Schiffen seien selbst große Wale gefährdet und könnten sich schwerste und tödliche Verletzungen zuziehen.

Verringerte Geschwindigkeiten der Schiffe an besonders kritischen Stellen, wie z.B. der Straße von Gibraltar, und das Postieren von Beobachtern am Bug der Schiffe sind als Lösungsansätze im Gespräch.


Hintergrundinformationen

In einem Bericht über die Weltmeere und die Gesetzgebung auf See sagte der UN-Generalsekretär: “Die Sorge wächst, dass die starke Zunahme des Lärms in den Meeren eine große Gefahr für das Überleben von Meeressäugetieren, Fischen und anderen Meerestieren darstellt. Die Lärmüberflutung ihrer Welt beeinträchtigt ihr Verhalten und hat somit möglicherweise ernsthafte Konsequenzen.“

Autor: WDCS, Whale and Dolphin Conservation Society gGmbH

Weiterführende Informationen:


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Stand: 4. Dezember 2008
Erstellt: 4. Dezember 2008