Familie und Kinder
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Artikel Nr.: 13505
Berlin, 29.12.2007: Kurz vor Weihnachten wartete das Bildungsministerium mit einer Studie auf, deren Brisanz erheblich ist. Das ist vermutlich auch dem Ministerium bewusst, denn bei der Studie "Bildungs(Miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen/männlichen Jugendlichen" verzichtete man weitestgehend auf mediale Aufmerksamkeit. Nicht einmal im Unterverzeichnis "Presse" auf der Homepage des BMBF war eine Mitteilung zu finden.
Auf der Startseite des Ministeriums hingegen war eher Verschleierungstaktik angesagt: Die Studie, welche klar auf Missstände und massive Diskriminierungen von Jungen in der Schule aufmerksam macht, wurde lediglich mit einer allgemein bekannten Erkenntnis angekündigt: "Ergebnis der Studie für das BMBF ist, dass Jungen in der Schule schlechter abschneiden als Mädchen." (Anmerkung 29.01.08: Der Text wurde mit Veröffentlichung der aktuellen Version verändert.) Es scheint, als hoffe man, dass die Studie im weihnachtlichen Trubel untergehe und dass durch ausbleibende PR niemand auf sie aufmerksam werde.
Dies wird verständlich, wenn man bedenkt, dass das Bundesbildungsministerium auch heute noch im Rahmen seiner geschlechtersensiblen Förderung ausschließlich Frauen- und Mädchenförderprojekte durchführt, aber kein einziges Jungenförderprojekt. Und dies, obwohl bereits die PISA-Studie des Jahres 2000 Jungenbildungsförderung als große bildungspolitische Herausforderung darstellte. Eine Herausforderung, der sich das Bundesbildungsministerium bis heute nicht gestellt hat.
Deutliche Worte zu Missständen
Dabei handelt es sich bei der Studie um eine qualitativ hochwertige Ausarbeitung, die eine sachliche Zusammenstellung von statistischen Fakten und eine umfangreiche Würdigung vorhandener Literatur und Studienarbeiten vornimmt. Die Studie selbst kann natürlich keine Patentlösungen bieten. Sie zeigt jedoch deutlich eine Vielzahl von wissenschaftlichen und nicht zuletzt politischen Lücken auf, die durch gezielte Untersuchungen gefüllt werden müssen, um anschließend daraus konkrete Maßnahmen gegen die Diskriminierung von Jungen in der Schule abzuleiten.
Klare Worte über die Bewertung von Jungen an deutschen Schulen findet man auf Seite 9 (pdf:11) ("Für den Übergang in weiterführenden Schulen hat die Lern-Ausgangs-Untersuchung (LAU) in Hamburg herausgefunden, dass Jungen nicht nur generell seltener eine Gymnasialempfehlung erhalten, auch bei gleichen Noten werden sie seltener von den Lehrkräften für gymnasialgeeignet angesehen als Mädchen.") und auf Seite 16 (pdf:18) ("In allen Fächern erhalten Jungen auch bei gleichen Kompetenzen schlechtere Noten."). Diese Fakten sind für uns nicht neu. Neu ist hingegen, dass diese Dinge in einer offiziellen Studie des BMBF zu lesen sind.
Man muss nicht mit jeder Aussage und Schlussfolgerung übereinstimmen. Das ist bei der Komplexität des Themas und der mangelhaften Datenlage auch nicht zu erwarten. Einige für uns wesentliche Punkte fehlten jedoch in der Betrachtung, die die Studie zu den Ursachen der schulischen Probleme von Jungen anstellt, und sollen deshalb kurz Erwähnung finden. So schreibt die Studie auf Seite 17 (pdf:19):
"Im Untertest Orthographie der IGLU-Studie sind Jungen in der 4. Klasse in den oberen Kompetenzstufen nur zu 38,5 % vertreten, in den unteren hingegen zu 56,7 %. Interessant ist, dass die Rechtschreibekompetenz der Jungen vom sozialen Bezug der Wörter abhängt. Für Jungen spielt es eine bedeutende Rolle, ob das Wort aus einem männlich konnotierten Bereich stammt. Hier erzielen sie bei Worten wie Schiedsrichter oder Torwart mit geringer Stärke des Effekts sogar leicht bessere Werte. Bos u.a. fassen zusammen: Von der inhaltlichen Bedeutsamkeit der Wörter ist die Rechtschreibleistung der Jungen stärker beeinflusst als die der Mädchen. Dementsprechend sind Jungen stärker beeinflussbar von der persönlichen Beziehung zum Lerngegenstand als Mädchen, die sich eher von Regeln leiten lassen (Bos u.a. 2005)."
Jungen leiden unter negativer Einschätzung
Leider fehlt die Schlussfolgerung, dass der Einfluss der massiven Änderung von Lehrinhalten und Schulmaterialien in den letzten vier Jahrzehnten mit inzwischen überwiegender Ausrichtung auf Mädcheninteressen kritisch untersucht werden muss.
Auf Seite 20 (pdf: 22) findet man im Abschnitt "Selbstkonzept und Motivation" die Aussage: "Das negative Selbstkonzept korrespondiert mit der Erwartungshaltung von Lehrkräften. Dies hat teilweise gravierende Folgen, denn die Unterstellung schlechterer Leistungen und geringerer Motivation überschneidet sich mit der Tatsache, dass Jungen bei gleicher Kompetenz tendenziell schlechtere Noten erhalten als Mädchen. Auch Eltern schätzen Jungen schlechter und vor allem unmotivierter ein als Mädchen, auch wenn beide über das gleiche Kompetenzniveau verfüFunktionelle Einheit der Vererbung; abgegrenzter Bereich auf der DNS, der die Information zur Herstellung eines Proteins (z.B. eines Hormons) beinhaltet. gen (vgl. Bos u.a. 2003)."
Wir weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass diese negative Einschätzung von Jungen bis in höchste politische Ebenen zu finden ist. So meint sogar die Bundeskanzlerin 2007: "Tatsächlich ist Gleichberechtigung an den Schulen Realität, weshalb Mädchen aufgrund ihres Entwicklungsvorsprungs, größeren Fleißes und höherer Lernmotivation im Vorteil sind." (Antwort auf "Männerbenachteiligung begegnen", www.direktzurkanzlerin.de/beitrag-2545.html - Abruf vom 13. Juli 2007). Nicht nur, dass durch die Studie diese Aussage nun klar widerlegt ist. Sie demonstriert auch, dass die schlechtere Bildungsleistung der Jungen einfach einer angeblichen "Faulheit" der Jungen zugeschoben wird und damit die Jungen selbst für ihre schlechten Bildungsleistungen verantwortlich gemacht werden. Hier entzieht sich die Politik sehr einfach ihrer Verantwortung.
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